Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 60.1908 (60)

Nr. 32. 
vornherein als unzulänglich aus, und es treten in der Hauptſache nur 
zwei in engeren Wettbewerb miteinander: das RKonverſations-Lexikon 
von Brockhaus und der „große Meyer“. Früher galt Brockhaus für 
das wiſſenſchaftlichere Werk, und man ſprach ihm vielfach und wohl 
mit Recht die Siegespalme zu. Von Auflage zu Auflage hat ſich je- 
doch der große Meyer mehr und mehr dem Jdeal eines Konverſations- 
Lexikons genähert. In wiſſenſchaftlicher Hinſicht dürften die beiden 
monumentalen Werke heute gleichwertig ſein, während in der Aus- 
ſtattung (Karten und UÜbbildungen!) Meyer entſchieden der Vorrang 
vor Brockhaus gebührt. Jetzt, wo der erſtere mit Band 18 bis 20 in 
ſechſter, völlig neubearbeiteter Auflage wiederum zum Abſchluß gebracht 
worden iſt, darf man es wohl ausſprechen, daß AUieyers Konverſations- 
Lerikon als Ganzes betrachtet unter allen Mitbewerbern zurzeit die 
erſte Stelle einnimmt. . 
Man kann über dieſes monumentale „Tachſchlagewerk des allge- 
meinen Wiſſens“ nur Rühmendes ſagen und dem Lob, das ihm ſo oft ſchon 
geſpendet wurde, höchſtens neues hinzufügen. In der Tat ſcheint mit 
der Neuauflage des großen Meyer das Jdeal eines KRonverſations- 
Lexikons, ſoweit es Menſchen möglich iſt, verwirklicht worden zu ſein. 
Ein Stab von hervorragenden Gelehrten der verſchiedenſten Wiſſens- 
gebiete und von anerkannten Berufsſchriftſtellern jeder Urt bürgt für 
die Wiſſenſchaftlichfeit der Darſtellung, an dex vor allem auch das 
Streben nach Lebendigkeit angenehm berührt. Abſtrakte Erörterungen 
find nach Möglichkeit vermieden worden, da es galt, alles dem Ver- 
ſtändnis des gebildeten Laien anzupaſſen. Eine gute Raumöskonomie 
zeigt ſich in der Yerteilung und Längenbemeſſung der einzelnen Urtikel; 
muſtergültig iſt die Auswahl wie die Berſtellung der Bilder. Jedes 
einzelne erſpart Text, dient der Veranſchaulichung und will nicht nur 
Schmut ſein. Die Leiter des Unternehmens haben alle Fortſchritte mit 
klarem Blick verfolgt und ſich mit Erfolg über dem Getriebe dex Sippen 
zu haiten geſucht, 
Ulle dieſe Vorzüge, die ſchon an den früheren Bänden gerühmt 
werden konnten, haben auch die vorliegenden drei Schlußbände des 
„großen Meyer" aufzuweiſen. Uuch an ihnen erfreut wieder die Viel- 
ſettigkeit und Gründlichkeit der einzelnen Urtikel, die Ergänzung des 
Tatſachenmaterials bis zur unmittelbaren Gegenwart, die Unappheit 
und Allgemeinverſtändlichfeit der Darſtellung, die durch einen bewunderns- 
wert vollkommenen Jiuſtrationsapparat unterſtützt wird. Alles in 
allem: die vorliegenden drei Schlußbände reihen fich ihren 17 Vorgängern 
durchaus würdig an und verdienen die gleiche günſtige Aufnahme wie 
ſie. Wir aber geben ihnen den Wunſch mit auf den Weg, daß ſie ſich 
mit den übrigen in der Bibliothek recht vieler Lehrer zuſammenfinden 
mögen. Georg Jahn, Leipzig. 
Vom Morgen bis zum UÜbend. UNlte und neue Weiſen aus dem 
Tagesleben des Kindes. Zuſammengeſtellt zu einem Feſtſpiel für 
ein- und mehrſtimmigen Kinderchor, Soli, Deklamation mit KUlavier- 
begleitung von Franziskus Nagler. op. 44. Meißen, Sächſ. 
Shulbuchhandlung, Albert Buchheim. 
„Erziehung zur Freude“, ſo lautete das erſte und gewiß ſehr zeit- 
gemäße Wort, mit dem Linde ſein neues Umt als Schriftleiter der 
Allg. D. Lehrerzeitung in Nr. 1 id. Jahrg. antrat. Im Zeichen der 
Freude, echter kindlicher Freude, ſteht das hier angezeigte dankenswerte 
Shulfeftſpiel. Viele Kollegen vorgerü>kteren Alters dürften ſich wohl 
noch der Ottoſchen Schulfeſte erinnern, die in den 60er und 70er Jahren 
des vergangenen Jahrhunderts vieler Orten unſeres Daterlandes auf- 
geführt worden ſind, jung und alt zu frohem Genuß. Gleiches ver- 
ſpricht auch das vorliegende Feſtſpiel, falls ſich der Lehrer der Mühe 
unterziehen wird, es vorzubereiten. Dieſe Einübung der Geſänge und 
Deklamationen dürfte auch in kleineren Schulen möglich ſein, und zwar 
ohne "beſonderen Zeit» und Kraftaufwand, da der Stoff und die fein- 
ſinnige Bearbeitung die Kinder ſehr bald auf das angenehmſte anregen 
dürfte, Derfaſſer hat, wie das der Titel ſchon beſagt, das Tagesleben 
(vielleicht richtiger geſagt das Schulleben) poetiſch verklärt und mit 
Humor reichlich gewürzt, Das erreicht er mit lieben alten Bekannten 
in Weiſen und Deklamationen. Zum Beweis nenne ich die Uamen: 
Weber, Mozart, Zöllner, Jul. Otto, Paul Gehrhardt, Hoffmann von 
Fallersleben, W. Müller, Hebel, R. Reinick, Claudius. Außerdem be- 
gegnen wir noch acht beliebten Volksmelodien, darunter auch dem ſchönen 
niederländiſchen Volkslied „Wir treten mit Beten uſw." Wo die ge- 
nannten Mittel nicht ausreichen, hilft der Verfaſſer mit einigen neuen 
Melodien und Texten eigner Urbeit oder noh unbekannter Verfaſſer 
nach, Auch dieſen Zutaten können wir unſere volle Befriedigung aus- 
ſprechen; da iſt nimts fade und gemacht: Verfaſſer hat ganz gewiß in 
Kinderaugen und Kinderherzen geſchaut. 
Recht lebendig und ſinnig geſtaltet ſich nach der Pauſe der Schluß. 
Großmutter, Hans und Lieſe treten auf, Großmutter muß erzählen. 
Das tut ſie gern -- und wie wir glauben, etwas ſehr ausgiebig. Zu- 
erſt das Weihnachtsmärchen, dann Rotkäppchen, Schneewittchen, Dorn- 
röschen, und mit Barbaroſſa klingt das Ganze patriotiſch aus. Das 
däinft uns allerdings etwas reichlich; doch langweilig wird auch der 
Sdqluß nicht werden. Denn die iebenden Bilder im Koſtüm (mit den 
einfachſten Mitteln erreichbar, wie das Textbüchlein angibt), die Soli 
vnd Chorgeſänge -- auch die Erwachſenen dürfen mitſingen: Stille Macht--- 
vieten für Auge und Ohr und Gemüt den reichſten Wechſel. Ein Schluß- 
bild verherrlicht den Ubend. 
„Für das diesjährige Weihnachtsfeſt kommt unſere Empfehlung zu 
ſpät; man merke ſie ſich für das nächſtjährige. G. Gernandt, Gotha. 
nd 
Allgemeine Deutſche Lehrerzeitung. 
 
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Vaterländiſches Leſebuch, (Neubearbeitung des Leſebuchs von Jütting 
und Weber) unter Mitwirkung der Ral. Bezirksſchulinſpektoren 
Dr. Michel, Schulrat Sieber und Dr. Stephan, herausgegeben von 
Schulrat Dr. Karl Lange. Unsgabe A in 4 Teilen. Derlag Jul. 
Klinkhardt, Leipzig 1908. 
Wir wollen unſere Jugend zu tüchtigen Perſönlichkeiten erziehen. 
Wir ſuchen ihre innere Kraft zu bilden, das Gemüt zu pflegen, den 
Frohſinn zu fördern. Mit offenem Bli und einem liebevollen Herzen 
ſollen ſie der Wirklichkeit entgegentreten. Wir wollen ſie zur Tat er- 
ziehen. Auch das Leſebuch ſoll in dieſem Sinne ein Erziehungsmittel 
ſein. Dieſe Gedanken ſind wohl bei der Bearbeitung des genannten 
Leſewerkes maßgebend geweſen. Darum haben auch die Verfaſſer die 
moraliſierenden Leſeſtücke verbannt und dafür ethiſche Stoffe in das 
Gewand kindlicher Erzählungen gekleidet. Geſchichten aus der Wirk- 
lichkeit, Tatſachen mit ureigenem, perſönlichen Leben treten an die 
Stelle nüchterner, geiſttötender Beſchreibungen. Auf der Unter- und 
Mittelſtufe kommt beſonders das Märchen zur Geltung; denn die Kleinen 
leben ja im Reich der Phantaſie, im Märchenland. In dieſem LKeſe- 
buch fühlt ſich unſere Jugend heimiſc<. Gern wird ſie darum 
das Buch zur Hand nehmen, mit Luſt und Liebe leſen und ſich an dem 
lebenerwedenden TJnhalte erfreuen. 
Das Leſebuch iſt aber auch ein literariſch-künſtleriſches, Uur 
ein Leſeſtük, das perſönliches, ureigenſtes Innenleben in vollendeter 
Form bietet, kann als ein volkstümliches Kunſtwerk gelten. Unſere 
großen Meiſter unter den klaſſiſchen und modernen Schriftſtellern ſind 
mit den herrlichſten Schöpfungen ihrer Muſe vertreten. Im 1. Teil 
(2. Schulj.) hat vorzugsweiſe Grimm das Wort, im 2. (3. u. 4. Schul].) 
außer Grimm, Weiße, Trojan und Reinick, im 3. (5. u. 6. Schulj.) 
Roſegger, Hebel, Uhland, im 4. (7. u. 8. Schulj.) Schiller, Goethe, Uhland. 
Auch durch dieſe Bevorzugung eines und desſeiben Schriftſtellers 
in den einzelnen Teilen ſtellen die Verfaſſer ihr Leſewerk in den Dienſt 
der Perſönlichfeiispädagogik. Uußer den genannten Autoren finden wir 
noh vertreten Luther, Roßmäßler, Freiligrath, Guſtav Freytag, Unton 
Ohorn, B. Auerbach, Wildenbruch, Liliencron, Avenarius, Otto Ernſt, 
Gansberg, Scharrelmann u. a. Geradezu begeiſtert haben mich die 
poetiſchen Teile des 3. 1. 4. Bandes. Wel köſtliche Perlen klaſſiſcher 
und auch modernſter deutſcher Dichtkunſt finden wir da! Wirklich eine 
prächtigere NMationalliteratur konnte für unſere Jugend nicht zu- 
ſammengeſtellt werden im Rahmen eines Leſebuches. 
Nationale Literatur bietet das Buch. Das liegt ja ſchon in ſeinem 
Titel verborgen. Jedes Stü iſt von echt deutſchem Geiſte durchweht. 
Deutſches Volksleben ſpiegelt ſich hier wider in den reizvollſten Qüiancen. 
Die alten deutſchen Yolksbücher, Volkslieder, DVolksſagen und Yolks- 
märchen haben reichliche Derwendung gefunden. So iſt das Buch auch 
ein nationales Werk, das an ſeinem Teile dazu beitragen wird, unſere 
Jugend für ihr Daterland zu begeiſtern, ſie zu deutſchen Perſönlich- 
keiten zu erziehen. 
Dieſem prächtigen Jnhalte paſſen ſich auch die künſtleriſch wert- 
vollen Bilder an, die ſich in allen Teilen, am reichlichſten natürlich 
in den beiden erſten, finden. Sie ſtammen aus den Mappen Ludwig 
Richters, DW. Tlaudius', Wold. Müllers, E. Liebermanns und anderer 
eiſter. 
Schließlich möchte ich nicht unerwähnt laſſen, daß auch die äußere 
Ausſtattung des Leſewerkes eine ſehr gediegene iſt. 
Dieſes mit ſo vielen Vorzügen ausgeſtattete Buch iſt aber nicht nur 
ein Schulbuch, ſondern auch ein Familienbuch in des Wortes edelſtem 
Sinn. Deutſche volkfstümliche Kunſt in die Schule, durch die 
Schule in die Familie und das Volk zu tragen, um ſittlich-religiöſe 
und nationale Geſinnung zu wexen und zu pflegen, das iſt die 
Parole des „Vaterländiſchen Leſebuches“. 
Mein Urteil über das „Vaterländiſche Leſebuch“ faſſe ich dahin 
zuſammen: 
Es iſt ein volkstümliches, literariſch-künſtleriſches Leſe- 
werk aufnationaler Grundlage im Dienſte derPerſönlichkeits- 
pädagogik, 
Möge ihm die weiteſte Verbreitung beſchieden ſein zum Segen unſeres 
deutſchen Vaterlandes! Hans Pallmann, Niarienberg 1./5a. 
 
Aphorismen. 
Die Liebe iſt Freude am Menſchen und Glauben an ihn und der 
Wunſch, ihm zu ſeiner Vollendung zu helfen. Darin liegt die äußere 
Hilfe eingeſchloſſen und die Vergebung ſeiner Verſchuldung an uns. 
Über übergeordnet iſt der Wunſch und die Urbeit, ihm dazu zu helfen, 
ſelber ein Chriſt zu werden, eine reine, freie, liebevolle Perſönlichkeit. 
Heinrich Weinel. 
In liebender Ergebung liegt alles Menſchenheil, 
Liegt Leben und Erhebung, der Ewigkeit ein Teil. 
Willſtädu das Schöne bilden -- ſo gib dich ganz dahin: 
Es zwingt den Stoff, den wilden, nur lieb-ergeb'ner Sinn: 
Willſt du das Gute ſchaffen -- ſo gib dich ganz dahin: 
Des heil'gen Mutes Waffen wird jeder Kampfgewinn. 
Willſt du das Wahre finden -- ſo gib dich ganz dahin: 
Es löſt ein Gott die Binden nur treu-ergeb'nem Sinn. 
Und willſt du ſelig leben =- ſo gib dichzganz dahin -- 
GlÜüE kann nur Liebe geben, die Allhingeberin. 
Feliz Dahn.
	        

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