Volltext: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 64.1912 (64)

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Ullgemeine Deutſche Lehrerzeitung. 
Br. 18 
 
Mit dem ſoeben Geſagten hängen eng zuſammen: 
Sprachgeſchichtliche Belehrungen, 
durch die der Unterricht in der deutſchen Grammatik intereſ- 
ſant geſtaltet werden kann. Allerdings iſt hierbei erforderlich, 
daß der Lehrer ſelbſt mit den nötigen Kenntniſſen ausgeſtattet 
iſt. Ich kann nicht unterlaſſen, bei dieſer Gelegenheit dankbar 
meines ehemaligen Lehrers zu gedenken, der bei der ſo knapp 
zugemeſſenen Zeit auf dem Seminar Gelegenheit zu finden 
wußte, uns in die geſchichtliche Entwiklung unſerer Mutter- 
ſprache hier und da einen BliX werfen zu laſſen. Überhaupt 
aber muß es „dahin kommen, daß kein Lehrer mit deutſchem 
Unterricht betraut wird, der nicht das Neuhochdeutſch mit ge- 
ſchichtlichem Blicke anſehen kann“. (Bildebrand.) 
Mit Bilfe ſprachgeſchichtliher Belehrungen iſt es dem 
Lehrer möglich, auf die ſinnliche Grundbedeutung eines Wortes 
zurückzugehen und zu zeigen, wie der Begriff allmählich ab- 
geblaßt iſt und abſtrakt geworden iſt. Manchmal läßt ſich die 
Erweiterung und Verengerung des Jnhalts nachweiſen, und 
ſo erſcheint dem Rinde das unſcheinbare Wort wie ein rüſtiger 
Wanderer, der von weither kommt und viel erlebt hat. Ulte 
und veraltete Formen im Rirchenlied und bei den Dichtern 
überhaupt können hier ſchon in der VYVolksſchule als Anknüp- 
fungspunkte dienen. 
ergiebiges Feld. 
Die Augen meiner Sextaner glänzen jedes Jahr, wenn ich 
ihnen erkläre, daß man den Unterſchied zwiſchen zwei ſo all- 
täglichen Dingen wie Eimer und Zuber auc im Wort er- 
kennen kann. In dem Worte fruchtbar haben ſie gelernt, 
daß bar die Bedeutung von tragen hat, und nun ſind ihnen 
die Formen Eim--bar und Zui--bar ſofort verſtändlich. 
Sie erkennen die Vorfahren der heutigen Wörter Eimer und 
Zuber; und wirklich wird das eine Gefäß an einem, das 
andere an zwei Henkel getragen. Welche Freude haben die 
Rinder, wenn ich nun mit raſchen Zügen einen Eimer und 
einen Zuber an der Tafel entwerfe und ſie die „Bilder“ nach- 
malen dürfen! 
Bei Behandlung der Zahlwörter ſehen die Rinder, daß 
zwar das Wort „eins“ drei beſondere Formen für die verſchie- 
denen Geſchlechter hat, die anderen aber dieſes Vorzugs ent- 
behren. Nun intereſſiert es ſie lebhaft, vom Lehrer zu er- 
fahren, daß man früher ſagte: zween, zwo, zwei; und mandh- 
mal weiß auch eim Schüler zu berichten, daß ſein Großvater 
noch ſagte: zwo Rühe. 
Daß die Nachſilbe lich früher ein beſonderes Wort war 
und gleich bedeutete, erkennen die Schüler bei der Bildung 
von herrlich, freundlich, bildlich; beſondere Freude aber macht 
ihnen die Erkenntnis, daß dieſes Wörtchen auch in ſolch ſtet: 
ſ9-lich, jo--glich. Wenn ihnen etwa auffallend vor- 
kommt, daß das i tonlos wird und endlich verſchwindet, ſo 
braucht man ſie nur an den Yers im Yolksliede zu erinnern: 
ſo maniger Soldat, wofür wir heute ſagen müßten: ſo 
mancher Soldat. Oder man frage die Rinder, wie im Volks- 
mund die Worte: barfuß, Vorteil, Arbeit, Armvoll, wohlfeil, 
Doktor, Konditor ausgeſprochen werden. (barbes, Vortel, 
Arbet, Urvel, wolfel, Dokter, Ronditer). 
Gerade dieſe Anknüpfung an das Mundartliche wirkt hier 
wieder äußerſt anregend; und wenn man die Kinder daran 
erinnert, daß es ja auch „Gernſem“ und „Sto>ſt“ ſtatt Gerns- 
heim und Stokſtadt heißt, ſo darf man ſicher ſein, in einem 
Nu Dutzende von Ortsnamen auf ...heim und ...ſtadt zu 
hören, die dem gleichen Geſetz unterliegen. Die ganze Rlaſſe 
iſt im Zuge, und auch die Schwächſten arbeiten mit. 
Auch die Bildung des hinweiſenden Fürworts derſelbe, 
gegen deſſen mißbräuchlihe Unwendung man jeht ſo ſehr 
eifert, kann den Rindern Anregung bieten. Denn ſelb iſt ein 
altes Eigenſchaftswort und heißt gleich. Die" Schüler erkennen 
das ſofort, wenn man ihnen ſagt: am ſelben Tage, zur ſelben 
Stunde. 
Die Deklination von derſelbe macht jetzt keine Schwierigkeit 
mehr, und die Schüler wiſſen den inneren Grund, weshalb 
man dieſes Wort nicht ohne weiteres für er ſetzen darf. 
Beſonders die Wortbildungslehre iſt ein - 
 
Die Abwandlung des Hilfszeitworts ſein gibt erwünſchte 
Gelegenheit, das alte Wort weſen kennen zu lernen. Es iſt 
in der Nennform nicht mehr vorhanden, kommt aber als 
Mittelwort (geweſen, anweſend, abweſend), als Dingwort (das 
Weſen) und als zuſammengeſettes Zeitwort (verweſen) noch vor. 
Es macht den Rindern Freude, zu erfahren, daß die Mit- 
vergangenheit war aus was entſtanden iſt, wie wir heute noch 
in Goethes Gedicht „Das Hufeiſen“ ſehen. Der Wechſel 
zwiſchen r und 5 wird ſie nicht befremden, wenn man ſie an 
verlieren -- Verluſt, frieren =““ Froſt erinnert. Auf dieſe 
Weiſe gewinnen die toten Formen Leben und treten den Kin- 
dern näher. 
Wir wollen mit den Schülern nicht Sprachwiſſenſchaft 
treiben, ſondern die Sprache in ihrem Werden und Leben 
beobachten. 
Die Volksjprache hat für unſere YHaustiere faſt durch- 
gängig beſondere Namen; 3. B.: 
Gaul für Pferd, Hinkel für Huhn, 
Geiß für Siege, Glue für Henne, 
San für Schwein, Gidel für Hahn. 
Die beiden wichtigſten Haustiere haben beſondere Namen 
je nach Alter, Geſchlecht, Farbe u. dal. Ulan ſagt: 
Ralb, Rind, Färſe, Kuh, Ochs, Stier, Bulle, Faſſel; 
Nähen Fohlen, Stute, Henaſt, Rappen, Schimmel, Fuchs, Roß, 
ähre. 
Don den Sennhirten wird uns erzählt, daß ſie mehr als 
zwölf Abſtufungen in der braunen Farbe ihrer Rühe unter- 
ſcheiden. Solche Beobachtungen braucht der Lehrer nur an- 
zuregen, um raſch weitere Beiſpiele zu erhalten. Sie laſſen 
ahnen, wie ſich die Sprache in der Urzeit entwickelt hat. Die 
Schüler erkennen, daß unſere Vorfahren die Weſen, die für 
ſie am wichtigſten waren, beſonders und genauer bezeichneten 
als andere, die weniger Bedeutung für ſie hatten. 
Dieſer Vorgang wiederholt ſich im weſentlichen noch heute, 
wenn wir neue Wörter bilden. Wir erfinden einen beſonderen 
AusdrusX, wenn er nötig wird, und helfen uns ſonſt mit Um- 
ſchreibungen. Die Schüler wiſſen ſicher für dieſe Fälle Bei- 
ſpiele aus dem modernen Leben anzuführen. Sie lernen da- 
durh die Sprache als etwas Werdendes und Lebendiges 
erkennen. 
Wenn die deutſche Sprachlehre den Schülern anziehend 
gemacht werden ſoll, ſo muß ſie auch ſtets in Verknüpfung 
mit den übrigen Unterrichtsfächern gebracht werden. Über 
die geeignete 
Verbindung mit dem Sachunterricht 
haben die Methodiker ſchon viel geſtritten. Während die einen 
die grammatiſchen Belehrungen an die Stücke des Leſebuchs 
anknüpfen, fordern andere dafür beſondere Muſterſäte, und 
in einem der weitverbreitetſten Leitfäden für den Sprachunter- 
richt (Engelin) iſt ein kleines Leſebuch zuſammengeſtellt, an 
deſſen Stüke die Sprachlehre angeſchloſſen werden ſoll. Der 
Verfaſſer fordert ſogar, „daß ſämtliche Muſterſtüke nicht bloß 
in grammatiſcher Beziehung zu behandeln, ſondern auch ſach- 
lich und logiſch zu erörtern, mit anderen verwandten Jnhalts 
zuſammenzuſtellen ſind u. dal.“ 
Es iſt keine Frage, daß es der Yolksſchule an der nötigen 
Zeit gebricht, dieſer Forderung nachzukommen; anderſeits aber 
liegt darin der berechtigte Gedanke, daß dem Rinde vor allem 
der Stoff inhaltlich bekannt und klar ſein muß, ehe der Lehrer 
an die Betrachtung der Form im einzelnen gehen kann. - 
Muſterſätße --- und Säße bilden in gewiſſem Sinne ja auch 
Sprachganze --- haben unzweifelhaft den Vorteil, daß ſie die 
zu entwickelnde Sprachform in voller Rlarheit vor die Augen 
der Schüler ſtellen; dagegen ſind ſie oft aus allen möglichen 
Wiſſensgebieten zuſammengeſucht und nötigen ſo den Geiſt, 
wie in einer Hetzjagd von einem Gedanken zum andern zu 
eilen. Will man gar erſt die Beiſpielſätze aus den Schülern 
entwieln, ſo ſteht man oft vor einer mutlos verſtummenden 
Kinderſchar. | 
Leſeſtüke zu Zweken der Grammatik zu verwenden, hat 
gewiſſe Bedenken. Jedenfalls ſollten Gedichte von dieſer Be- 
handlung ganz ausgeſchloſſen ſein. Aber auch bei Proſaſtüken
	        

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