Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 64.1912 (64)

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10. Mai 1912. 
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Schriftleiter: Lehrer Ernft Linde in Gotha. 
Jährlich erſcheinen 48 Uummern. Bezugspreis halbjährlich 4 Mark. 
Beſtellungen nehmen alle Buchhandlungen und Poſtämter an. 
UAufſätze und Bücher zur Beurteilung werden an die Schriftleitung erbeten. | Unzeigen für die vierſpaltige Petitzeile oder deren Raum 350 Pfennig. 
 
 
+ Abhandlungen: Auf nach Berlin! Don Otto Hach, Berlin. -- Programm zur Deutſchen Lehrerverſammlung in Berlin. -- Deutſcher 
Inhalt: Oberlehrertag zu Dresden. 9.--11. April 1912. Don Prof. Dr. Ndolf Sellmann, Hagen i, W. -- Tagung des Bundes für Reform 
des Religionsunterrichts. Don Aug. €. Krohn, Hamburg. -- Perſönlichkeit und Religionsunterricht. Von J. Beyer, Bremen. -- „Adien." Von K. H, -- 
Dom Kriegsſc<hauplatz. -- Vermiſchtes, -- Beurteilungen. = Bücherſchau, -- Rätſel. -- Briefkaſten. -- Anzeigen. 
 
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Auf nach Berlin! 
Deutſchlands Lehrer rüſten ſich, Pfingſten nach Berlin zu 
fahren; und wenn es zur RNeichshauptſtadt geht, werden die 
Erwartungen von dem, was hier geboten werden ſoll, natür- 
. lich nicht geringe ſein. Die Vorbereitungen zum Empfang 
ſind getroffen, und jeder wird auf ſeine Rechnung kommen. 
Die Beſucher der Deutſchen Lehrer-Verſammlung, beſonders 
die das erſtemal ihre Schritte nach Berlin lenken, wollen 
aber außer den Anregungen, die ihnen in den Verhandlungen 
und Veranſtaltungen der Tagung geboten werden, auch Ber- 
lin als Reichshauptſtadt, Reſidenz- und Weltſtadt kennen lernen. 
Auch dafür wird Gelegenheit in mannigfachſter Weiſe ge- 
boten. 
Noh ehe der Ankommende das Weichbild der Stadt er- 
reicht, umfängt ihn der Dunſtkreis der Großſtadt; lang- 
ſamer fährt der Zug in die weiten Hallen der Bahnhöfe, 
in denen ſich ſofort ein wirres Durcheinander entwidelt, bis 
die dichte Menſchenmaſſe ſich in die Straßen ergießt, und 
Einheimiſche und Fremde haſtig aneinander vorübereilen oder 
gemächlich ſchlendern. Uber nur nicht ängſtlich, mein Freund! 
Ruhig! Die Augen auf! Alles, was nötig iſt, um ſich 
zurechtzufinden, und was im Führer ſteht, iſt überall deutlich 
zu leſen: Straßen, Pläße, Stadtteile u. a. an den Straßen- 
bahnen und Omnibuſſen, und im Notfall gibt jeder Shuß- 
mann Auskunft. | | 
Übrigens iſt Berlin ziemlich regelmäßig gebaut, einige 
Bauptſtraßen, einige Plätze, Denkmäler und hervorragende 
Gebäude geben beſonders wertvolle Richtlinien und Richt- 
punkte. Da ſind in Alt-Berlin und Rölln a. d. Spree, 
den beiden Herzkammern der Stadt, der Alexanderplatz mit 
dem Lehrervereins haus und der ſtattlichen Berolina, 
das Rathaus und die drei älteſten Rirchen Berlins: St. Ni- 
colai, St. Marien und die Kloſterkirche, und die breite König- 
Straße, die zum Ragl. Schloſſe führt. Hier tritt dem Sremden auf 
Schritt und Tritt das entgegen, was ihm als guten Deutſchen 
lange ſein Wunſch und Sehnen war. Da iſt das würdige, 
alters5graue Schloß mit ſeinen langen Sronten und der ſchön- 
geformten Ruppel, da iſt das beſcheidene Palais des alten 
Kaiſers Wilhelm, da iſt der Luſtgarten mit dem Dom und 
dem Alten Muſeum, da iſt das Zeughaus mit der Ruhmes- 
halle tapferer Feldherrn und Truppen, da ſind die „Linden“ 
mit ihren vornehmen Hotels und am Ende der Pariſer Plaß 
mit dem Brandenburger Tor. Dies alles ſind nur einige 
wenige beachtenswerte Stücke des Röniglichen Berlins. Sieht 
man genau zu, ſo iſt es leicht, hier 3. B. am Ral. Schloſſe 
von dem verſtekten Grünen Hut bis zur hochragenden Ruppel, 
vom Reiterdenkmal des Gr. Kurfürſten bis zum National- 
denkmal Raiſer Wilhelms, das Wachſen und Werden der 
Bohenzollernmacht zu verfolgen; ni<t minder au bei einer 
Wanderung vom „alten Friß“ unter den Linden bis zur 
Siegesallee im Tiergarten. . | 
EEG 
 
 
Berlin iſt aber auch des Deutſchen Reiches Hauptſtadt, 
und die Reichsbank, das Reichspoſtamt, Reichspatent- 
amt, Reichsverſicherungsamt, beſonders das Reihs5- 
tagsgebäude mit ſeiner goldblinkenden Ruppel verkörpern 
die Macht und Größe des Reiches. Doch nicht die Größe 
dieſer Bauten und aller anderen des ſich ſtetig erneuernden, 
nimmer ruhenden, Ultes niederreigenden, Neues aufbauenden 
Berlins feſſeln und verblüffen; auch der Reichtum, der ſich in 
den mannigfachſten Formen und dem koſtbaren Material 
ſpiegelt. Welche Sprache reden dieſe Steine, dieſes Eiſen, 
Glas und Holz! Mörtel, Gips und StuX von ehedem ſimmd 
allenthalben durch Granit, Marmor, Onyx und Bronze in 
Hülle und Fülle verdrängt. Selbſt wer große Dome und 
Kathedralen geſehen hat, wird in unſerer Marien-, Nicolai-, 
Kaiſer Wilhelm-Gedächtniskirhe und im Dome am Lüſt- 
garten voll Yerwunderns ſein; nicht minder aber in unſeren 
großen Geſchäfts- und Warenhäuſern, in den Kondi- 
toreien und Caft&5, in den Bierpaläſten, wo das viel- 
begehrte Naß in aller Friſche verzapft wird, oder im Kaijer- 
keller, im Rheingold und bei Trabach! Wahrlich, es ſind 
dies alles Werke deutſcher Kunſt, deutſchen Wollens und Rönnens, 
die man ſehen muß. Unleugbar marſchiert die Berliner 
Kunſt auf allen ihren Gebieten an der Spitze. (> Ned.). 
Was Skhlüter, Schinkel, Shadow und Rauch geſchaffen, 
iſt durch Meſſel, Hoffmann, Begas und ſeine Schüler 
würdig fortgeführt worden; aber nicht nur Einzelbauten 
heben ſich aus der Maſſe des großen Steinmeeres, ganze 
Gruppen, wie die Hochſchulen in der Hardenberg-Straße, 
die neuen Charitegebäude und die 60 Bauten des Virchow- 
Krankenhauſes, ſogar Kaſernen bilden förmliche Stadt- 
teile für ſich. 
Troßdem iſt Berlin nicht nur ein „Steinmeer“ , es iſt ein 
großer, lebendiger Rieſe; und wer durch die rieſige Steinmaſſe 
erdrüt zu werden fürchtet, der flüchte in den herrlichen 
Tiergarten, in den Viktoriapark, Humboldt- und 
Friedrichs hain oder in den Treptower Park, wo Hunderte 
und Tauſende Erfriſchung und Erquikung finden; auch das 
-Ceben und Treiben in einem der großen Bier- und UKaſffee- 
gärten gehört zu den Sehenswürdigkeiten Berlins, ſei es in 
den Zelten oder in der Haſenheide, in Hundekehle im 
Grunewald oder Grünau. 
So kurz und wenig erſchöpfend die vorſtehenden Aus- 
führungen auch ſind, möchten ſie dom den VYorgeſhmadt 
geben von dem Vielen und Schönen, Sehens- und Jerkens- 
werten, das Pfingſten den Teilnehmern der Deutſchen Lehrer- 
verſammlung in Berlin geboten werden ſoll, und darum: 
Auf nach Berlin! 
Otto Hach, Berlin. 

	        

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