Volltext: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung - 64.1912 (64)

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den Yoluntarismus mit guten Gründen ablehnende Rritik unter 
dem Titel „Über voluntariſiſche und intellektualiſtiſche Pſy<ho- 
logie“ , und im 58. ſchrieb er über den „Doluntarismus und 
Intellektualismus bei Lay und Ribot“. 
Auch auf dem Gebiete der Yölkerpſyhologie iſt Flügel der 
Vertreter. der Herbartiſchen Schule,. auf den. dieſe ſtolz iſt. Hier 
ſei an eines ſeiner intereſſanteſten Werke erinnert, an „Das 
Ih und die ſittlichen Jdeen im Leben der Völker“ (Langen- 
ſalza, Beyer u. Söhne). Das Buch, das eine Fülle des feſ- 
ſelndſten Einzelmaterials enthält, ſoll zeigen, „wie die ſittlichen 
Ideen, die Selbſtbeſtimmung, d. h. die Fähigkeit, ſich in ſeinem 
Wollen nah Erwägungen, nach ſittlichen Motiven zu richten, 
von den Menſchen im Laufe der Zeit durch Einwirkung ſehr 
mannigfaltiger Einflüſſe erworben wurden.“ (Hemprich, Otto 
Flügels Leben und Schriften [Langenſalza, Beyer u. Söhne|, 
Seite 50.) Und in dem gedruckten Yortrage „Über das Ver- 
hältnis des Gefühls zum Intellekt in der Kindheit des Jndi- 
vidunums und der Völker“ (Langenſalza, Beyer u. Söhne. Bei- 
träge zur Rinderforſchung und Heilpädagogik, Heft 10) gibt 
er einen dankenswerten Beitrag zur Löſung des Problems 
„Einzel: und Geſamtentwiklung“. 
Endlich hat der unermüdliche Denker auch der Tierpſycho- 
logie fein Augenmerk zugewandt. Auf Grund eingehender 
Studien und ſorgfältiger Beobachtungen ſchrieb er das „Seelen- 
leben der Tiere“ (Langenſalza, Beyer u. Söhne. 3. Auflage), 
dem man außer der Reichhaltigkeit des Materials als be- 
ſonderen Dorzug nachrühmt, daß es ſich freihält von vor- 
eiligen und darum verfehlten Schlüſſen, die gerade auf dieſem 
Gebiete nicht jelten ſind. (Hemprich, a. a. O)., S. 536.) 
Als üÜberzeugter Anhänger der Philojophie Herbarts iſt 
Flügel ein Verteidiger der abſoluten Ethik. Unerbittlich be- 
kämpft er daher die evulutioniſtiſchen und utilitariſtiſchen Nei- 
gungen unſerer Zeit, die im letzten Grunde nur zu reiner 
Erfolgsmoral führen. 
Es iſt Flügel nur zu danken, wenn er in dieſem Punkte in 
eiſerner Konſequenz verharrt und keine Ronzeſſion macht den 
Modeſtrömungen zu liebe. In ſeinem Werke „Jdealismus und 
Materialismns der Geſchichte“ (Langenſalza, Beyer u. Söhne) 
greift er in den Kampf der Meinungen ein und vermag in- 
folge ſeiner erſtaunlichen Gelehrſamkeit und ſeiner ſcharfen, über- 
zeugenden Argumentation das Unzulängliche und Bedenkliche der 
materialiſtiſchen Uuffaſſung gegenüber einer idealiſtiſchen darzutun. 
In feinſinnigen Darlegungen hat dann Flügel gezeigt, wie 
Berbarts abſolute Ethik --- weil „eben nur auf dem unmittel- 
bar ſich geltend machenden Urteile eines geläuterten, unpartei- 
iſchen Gewiſſens“ (Hemprich, a. a. O., S. 50) ſich aufbauend 
-- in ſchönſten Einklang zu bringen iſt mit dem ethiſchen 
Beſtandteil der Lehre Jeſu. (Val. Flügel, „Die Sittenlehre 
Jeſu“. Langenſalza, Beyer u. Söhne.) Und für den Neuling 
auf dem Gebiete Herbartiſcher Denkweiſe betreffs der Ethik, 
iſt wie keine andere Otto Flügels Ubhandlung „Schön und 
gut nach Herbart“ zu ſchneller Orientierung über die Haupt- 
punkte geeignet. (S. „Volks- und Jugendſchriftenrundſchau“. 
Jahrg. 1905/1906, Ur. 8, 9 u. 10. Stuttgart, Th. Benzinger.) 
Sein umfaſſendes Wiſſen, namentlich ſeine ausgezeichnete 
Kenntnis der modernen Naturwiſſenſchaften kommen Otto | 
Flügel zu ſtatten, wenn es gilt, im Kampfe um SBerbarts 
Metaphyſik das Wort zu ergreifen. Wie wenig man berech- 
tigt iſt, dieſen Teil der Herbartiſchen Philoſophie zu ignorieren, 
weiſt Slügel nach einmal dadurch, daß „Herbarts Ergebniſſe 
und Methoden ſehr genau zuſammentreffen mit den Ergeb- 
niſſen unſerer theoretiſchen Maturerklärung“, und daß ſie 
ferner „in genauer Rontinuität mit der Geſchichte der Meta- 
phyſik“ ſtehen. (Pal. Flügel, „JT. FS. Herbart“, S. 37.) In 
ſeinem vortrefflichen Buche „Die Bedeutung der Metaphyſik 
Herbarts für die Gegenwart“ (Langenſalza, Beyer u. Söhne) 
weiſt er, geſtüßt auf überreiches Tatſachenmaterial, überzeugend 
nach, daß der Herbartiſche Realismus durchaus nicht veraltet, 
ſondern in höchſtem Maße geeignet iſt, „zur Erklärung der 
empiriſch feſtgeſtellten Tatſachen verwendet zu werden.“. (Hem- 
prich, a. a, Q)., 5. 42.) 
Ullgemeine Deutſche Lehrerzeitung. 
 
Nr. 24 
- Daß Flügel bei ſeinem ſcharf präziſierten philoſophiſchen 
Standpunkt .in Gegenſaß kommen mußte mit manchen philo- 
ſophiſchen Modeſtrömungen, iſt unausbleiblih. Das gilt 
namentlich hinſichtlich des Materialismus und des Monismus. 
Böchſt dankenswert muß man es empfinden, daß er dieſen 
Richtungen mit aller nur wünſchenswerten Deutlichkeit ent- 
gegentritt. Beſonders die Oberflächlichkeiten des Monismus 
det Flügel rücſichtslos auf und zeigt, wie verfänglich der- 
artige Strömungen dadurch werden, daß ſie z. B. „metaphy- 
ſiſche Vorgänge und Begriffe mit religiöſen Namen ſchmücken 
und ſie dann für religiöſe Begriffe ausgeben“. (Hemprich, 
a. a. O),, S. 23.) So hat er mit ſeinem Buche „Monismus 
und Theologie“ (Cöthen, Otto Schulze) eine außerordentlich 
verdienſtvolle Arbeit geleiſtet. 
Damit ſind wir bei Otto Flügels eigentlichſtem Urbeitsge- 
biet, der Theologie, angelangt. Was er auf dieſem in der 
Praxis als Prediger und Seelſorger geleiſtet hat, iſt in den 
Gemeinden, in denen er gewirkt, unvergeſſen. (Vgl. Hemprichs 
Schrift.) Jetzt wollen wir nur noch einen kurzen Blik auf 
ſeine Tätigkeit als wiſſenſchaftlicher Theologe werfen.: Da ſei 
gleich eines bemerkt: Es gibt gegenwärtig unter den deutſchen 
Theologen wohl kaum einen zweiten, der wie Otto Flügel 
neben der Theologie eine ſo gründliche und umfaſſende Ge- 
lehrſamkeit in philoſophiſchen und naturwiſſenſchaftlichen 
Dingen entwickelte. Uls Redner und Schriftſteller iſt er auch 
auf dieſem Gebiete unermüdlich tätig geweſen und hat ſtets 
bereitwillig ſein reiches Wiſſen in den Dienſt der UAllgemein- 
heit geſtellt. 
Beſonders angelegen läßt er ſich die Apologie des Chriſten- 
tums gegenüber den Unſtürmen einſeitiger naturwiſſenſchaft- 
licher Strömungen ſein. Und manche ſchöne Schrift entſtand, 
wenn es den Nachweis zu führen galt, wie wenig die Grund- 
ideen des Chriſtentums durch die Ergebniſſe der modernen 
Naturwiſſenſchaft erſchüttert werden können. („Der ewige 
Gehalt des Chriſtentums und der moderne Menſch.“ Selbſt- 
verlag des Pfarrvereins für die Provinz Sachſen. =- „Sur 
Philoſophie des Chriſtentums.“ Langenſalza, Beyer u. Söhne. 
-- „Das Wunder und die Erkennbarkeit Gottes.“ Ebenda.) 
Streng auseinander hält er dabei Philoſophie und Religion 
und weiſt jede tendenziöſe Vermiſchung der beiden zurück. Dies 
tat er beſonders Paulſen gegenüber, als dieſer ſich bemühte, 
Kant zum „Philoſophen des Proteſtantismus“ zu ſtempeln, 
Derartige Yerſuche erklärt Flügel mit vollem Recht für irre- 
führend und darum für unwiſſenſchaftlich. (Vgl. Flügel, „Kant 
und der Proteſtantismus“. Langenſalza, Beyer u. Söhne.) 
Dabei vergißt Slügel nie, daß der rechte Apologetiker nicht 
nur das Fehlerhafte der zu bekämpfenden Theorien aufzu- 
weiſen, ſondern auch feſtzuſtellen hat, was an ihnen Berech- 
tigtes iſt. (Ygl. ſein Buch „Die Seelenfrage mit Rückſicht 
auf die neueren Wandlungen gewiſſer naturwiſſenſchaftlicher 
Begriffe“ [Cöthen, Otto Schulze], das mit der Frage beginnt: 
„Worin hat der naturwiſſenſchaftliche Materialismus Recht?“) 
So iſt Otto Flügels Leben bis zum heutigen Tage ein 
mit Urbeit reich geſegnetes geweſen. Und es war eine Arbeit, 
die nicht geſchah um äußerer Ehren willen. Kein Orden ziert 
ſeine Bruſt, keine akademiſche Würde wurde ihm verliehen, 
der auf dem akademiſchen Lehrſtuhl eim glänzender Lehrer der 
heranwachſenden Jugend geworden wäre. Dafür gedenkt um 
ſo dankbarer ſeiner am 16. Juni der große Rreis derjenigen, 
denen er durch Wort und Schrift ein Führer wurde zu der 
großartigen Jdeenwelt Herbarts. 
Alle, die das Glü>k hatten, ihm perſönlich näher treten 
zu können - zu ihnen gehört auch der Schreiber dieſer 
Zeilen ---, ſchäen in Otto Flügel den liebenswürdigen Ge- 
lehrten von gewinnender Freundlichkeit. Und alle dieſe freuen 
ſich ſeiner faſt noch jugendlichen Geiſtesfriſche und Rüſtiokeit. 
In der wiſſenſchaftlichen Diskuſſion verſteht er es, in edler, 
oft von feinem Humor gewürzter Sprache die ſchwierigſten 
Probleme klarzulegen, verſtändlic) und anſchaulich zu machen. 
Dieſe ſeltene Gabe kommt auch zu ſchönſter Entfaltung in 
ſeinem Buche „Die Probleme der Philoſophie und ihre L5s-
	        

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