Full text: Jahrbuch des Vereins für Wissenschaftliche Pädagogik - 5.1873 (5)

YI, 
Veber die Dunkelheit der „allgemeinen 
Pädagogik“ Herbart's. 
Was von den früheren Schriften Herbart's mit Recht 
gerühmt wird, dass Sie, ohne den Späteren an Tiefe und 
Gedankenreichthum nachzustehen, denselben an Unmittelbar- 
keit und Frische der Darstellung bei weitem überlegen Sind, 
das gilt besonders von Seinem ersten philosopbischen Haupt- 
werke, der „allgemeinen Pädagogik“. Es trägt dies Buch 
das Gepräge des Stillen, einsamen Denkens, das, unbekümmert 
um den Lärm des Tages und den Streit der Meinungen, 
Seine eigenen Wege gucht und die Fülle Seiner Ausbeute, auf 
nachdenkendes Verständniss rechnend , eher zurückhält, als - 
anpreist; aber , weit entfernt, durch erkältenden Stolz zu 
verletzen, iSt es vielmehr von einer milden, freudigen Wärme 
durchhaucht, die uns durchweg die Nähe der grossen Inter- 
essen der Menschheit fühlbar macht. Der Lapidarstyl Fichte's 
und die Innigkeit der Pestalozzi'schen Schreibart erscheinen 
hier wie zu einer höheren Linheit verbunden. 
Herbart Schrieb das Buch in der vielleicht glücklichsten 
Periode Seines Wirkens, im Jahre 1805. Damals begann Sich 
in Seinem Auditorium „die philosophische Thätigkeit Göttin- 
gens zu concentriren“ und er fühlte Sich 80 an Seiner Stelle, 
dass er, obgleich noch Privatdocent, einen Ruf nach Heidel- 
berg ablehnte; es fanden Seine Lehren bei einem Kreise be- 
gabter junger Männer, unter denen Sich auch der geliebteste 
Seiner früheren Zöglinge, Karl von Steiger, befand, verständ- 
nissvolle Aufnahme; auch für die pädagogischen Bestrebungen 
Sah er hoffnungsvoll jüngere Gebhülfen neben Sich?); vor 
1) Vergl. zu dem Obigen: Ziller, Herbartische Reliquien S, 153 f. 
Hartenstein, Herbart's kleine philos. Schriften, 1, p. LXI.
	        

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