XYIIL Dr. YV. Kaiser über Macbeth und Lady Macbeth. 315
Stets dieselbe äussere Wirkung habe, 80 ist es ebenso uner-
klärlich, dass dieses alle Macht über Macbeth verliert, ob-
wohl es ihm zuvor 8o Sehr zugegetzt hatte, dass Sein kleiner
Vernunftstaat in Trümmer zu gehen drohte.
Dann dürfte aus dem früher Gesagten hinlänglich erhellen,
wie wenig der Ausdruck »eisige Reflexion« auf die Lady
anwendbar ist, wie nahe ihr Seelenzustand vielmehr »einem
Sturme rasender Leidenschaft,« worunter Rümeliw den Affekt
zu verstehen Scheint, gleich kommt.
Ferner folgt aus dem Begriffe der Kraft, dass diese, ob-
gleich »stetig wirkend,« durch entgegengesetzte Kräfte ganz
oder theilweise gebunden , die zur Erscheinung kommende
Wirkung einer und derselben Kraft daher zu verschiedenen
Zeiten eine verschiedene Sein kann und dass also eine abge-
änderte äusgere Wirkung nicht nothwendig ein Vergtoss
gegen das Gegetz Jer vtetigkeit der Kraft zu Seim braucht.
Veberdies ist das Gewisgen als die Summe der in das Ich
aufgenommenen praktischen Maximen nicht immer eine
und dieselbe Kraft; denn diese kann wachgen an Intevsgität
durch die Erweiterung und logische Durchbildung der ethischen
Kingicht, an Umfang durch die Annäherung der Vorstellungs-
massen an das Ideal der psychologischen Persönlichkeit.
Der Möglichkeiten, durch welche die Wirkung des Ge-
wiSSens bei der Lady abgeändert werden konnte, Sind also
mehrere und es frägt Sich nur, welches Sind die bestimmen-
den Faktoren. Dass das Sittliche Bewusstsein Schon vor der
That sich geregt hatte, darauf wurde Schon obeu hingewie-
Sen. Dem Weibe, das der Hülfe überirdischer Mächte und be-
täubender Ingredienzen zu bedürfen glaubte, um die Mensch-
Liebkeit in Sich zu ersticken, konnte der Sittliche Tadel,
der ihr Vorhaben traf, nicht ganz verborgen Sein und gie be-
Stätigte diess auch durch die Hineintragung ihres Zustandes in
die Seele ihres Mannes. Aber das blendende Phantasiebild des
Diadems war zu mächtig, als dass das Gewissen Seiner Stimme
Nachdruck geben konnte. Das Verhältniss änderte Sich jedoch;
das Gewissen erhielt eine Hülfe durch die im Moment des Todes-
Streiches entdeckte Aehnlichkeit des greisen Königs mit dem
Vater der Lady; es lähmte ihr den erhobenen Arm. Anderzgeits
verlor die Vorstellung des Begehrten den Glanz, in dem Sie
zuvor gestrahlt. Denn der erwartete Erfolg trat nicht ein*).
Anstatt glücklich im ruhigen Besitze der Königswürde sah
*) Gervinus 159.

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