316 XVII. Dr. V. Kaiser über Macbeth und Lady Macbeth.
Sie ihren Mann gich aufreiben in quälender Sorge um die
Befestigung des wankenden Thrones; anstatt ruhigen Ge-
nusses der Gegenwart fand sie fortwährend banges Anticipiren
der drohenden Zukunft; anstatt Sich im Begitze des könig-
lichen Gatten doppelt glücklich zu fühlen, ging er ihr, von
der Begierde umstrickt, für immer verloren. Unter Solchen
abändernden Umständen konnte die Stetig wirkende Kraft
des Gewisgens, zuvor gebunden, jetzt frei werden. Um-
Sonst Sträubte eich die Lady dagegen, indem gie Sich Sagte :
Nichts ist gewonnen, alles ist dahin, stebn wir am Ziel mit
unzufriednem Sinn (III, 2). Im Gegensatz zu ihrem Gatten,
bei dem die Reue nur eine flüchtige Anwandlung war, musste
bei ihr dadurch ein dauernder Zustand begründet werden.
Denn während jener in rastlogem Handeln nie zur Besin-
nung kommt, hat sie, kinderlos, in ihrer stillen Kinsamkeit
auf Inverness Zeit genug, über das Vergangene nachzudenken*).
Dadurch aber, dass bei ihr die klare Beurtheilung erst
nach dem Verbrechen folgt, während Sie bei Macbeth Schon dem
Wollen vorangegangen war, kommt in der letzten Periode ihrer
Entwicklung ein neuer Faktor hinzu, der dann auch einen au-
dern Ausgang herbeiführt als bei Macbeth. Die Eumeniden,
»nicht von aussen gekommen«, Sondern Schon »längst am
Grunde der Seele lauernd«, nehmen ihre Seele in Begitz, um
gie zu Tode zu quälen. In unveränderlicher Klarheit steht
vor ihr die gittliche Selbstverurtheilung, der Sie entfliehen
möchte, aber nicht kann; »denn was geschehen 1ist, kann
nicht ungeschehen gemacht. werden«. Die Reue**) über das
Geschehene füllt ihr Bewusgtsein, einer fixen Idee gleich,
ebenso aus, wie ihren Gatten die Begierde; der innere Zwie-
Spalt ***) führt Sie zur Verzweißlung, die sie wohl des
Tags, aber nicht des Nachts zu verbergen vermag und treibt
Sie endlich dazu, um jeden Preis ihren Zustand zu ändern,
-- zum Selbstmord.
Vebersieht man den Reichthum an psychologischem Mate-
rial, den allein die beiden eben analysirten Charaktere dar-
bieten, 80 dürfte die Behauptung, dass aus den Classikern
eine vollständige empirische Psychologie ableitbar sei, nicht
zu gewagt erscheinen. Th. Wiget.
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**) Nahlowsky 259.
0%.) 91; Volkmann 11 305 und 423.
,„

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