Full text: Jahrbuch des Vereins für Wissenschaftliche Pädagogik - 12.1880 (12)

154 IV. Die Urgachen der Ueberbürdung i. d. deutsch. Gymnagien. 
nicht Nichts wachsen, Sondern nur um 80 mehr Unkraut 
emporwuchern. So führt also der Weg von Selbst von den 
Congervativen zu den Liberalen hinüber, die in der Selbst- 
Ständigen geistigen Regsamkeit das Element des modernen 
Lebens und in der Gebundenbeit an das blos Herkömmliche 
eine Schranke für die Entwicklung erblicken. Je freier, desto 
werthvoller erscheint ja das Leben. Und in der That, wenn 
Freiheit die Begeitigung von Fesseln bedeutet, welche den 
Mengehen verschlechtern, dann ist Sie ein werthvolles, den 
Fortgehritt Sicherndes Gut; wie bald aber unter Freiheit, rein 
negativ, die Begeitignng aller Fesseln verstanden wird, dann 
wird dem Menschen zum Fluche, was ihm Anfangs zum 
Segen gereichte. Denn frei Sein im wahren Sinne des Wortes 
heisst: wählen und gich Selbst verpflichten können. Ohne 
den letzteren Zugatz bedeutet Sie eine rohe und gesetzlose 
Willkür. Da aber keine Gesgellschaft als Solche bestehen 
kann, in der die blosse Willkür Schaltet, 80 bleibt den Men- 
Schen keine andere Wahl übrig als zwiSchen einer Idealen 
oder realen Gebundenheit d. h. entweder Sich Selbst zu ge- 
bieten oder Andern zu geborchen. Geschieht das Erstere, 
dann bietet die Gegellschaft einem urtheilenden Zuschauer, 
der zugleich ein Freund wahren Fortschrittes ist, das Schönste 
Schauspiel dar, das er Sich nur immer wünschen kann. Aber 
die Anforderungen, welche der Gedanke einer idealen Ge- 
bundenheit ankündigt, Sind zu hoch, und das Mass der Selbst- 
beherrschung, das die Menscben erfüllen, ist zu gering, als 
dass Sich auf diese Weise ein ruhiger und geregelter Fort- 
gehritt erwarten liesse. Dass jener Gedanke nicht einmal 
zu allgemeiner Anerkennung gelangt ist, daran ist nicht 
wenig die Lehre von einem ursprünglichen Rechte der Frei- 
heit Schuld, wie gie bereits Seit mehr als hundert Jahren 
und nicht ohne den Einfluss des Lousseau'Schen Contrat 
Social in die Lehre vom Liberalismus eingedrungen ist. Denn 
dieges vorgebliche ursprüngliche Recht ist nur eine Um- 
Schreibung des: Ich will! -- gemäss dem Grundsatze: Besser 
man hat es als man hätte es! also eine Verhüllung der rohen 
und gesetzlogen Willkür. Diese Theorie ist es, welche dazu 
nöthigt, zwichen echtem an idealer Gebundenheit festhalten- 
der Liberalismus und jenem PsSeudoliberalismus zu unter- 
Scheiden, welcher in der blosgen Willkür ein Rechtfertigungs- 
prinzip erblickt, die Schroffheit zwischen den Parteien ver- 
grösgert und den Liberalismus Schwächt. Denn der blos
	        

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