Full text: Jahrbuch des Vereins für Wissenschaftliche Pädagogik - 18.1886 (18)

 
300 Dr. RITTER: 
Erfolg. Denn einergeits iSt kaum zu erwarten, daß der 
König, nachdem ihm einmal die Sache gemeldet, nicht Argwohn 
fasgen Sollte, und an Mitteln, bei aller Wahrung der äußeren 
Rücksichten auf die Priesterin, den Plan zu vereiteln, fehlte es 
ihm nicht. Anderergeits aber erscheint auch Iphigenie von vorn- 
herein unfähig, Sich bei irgend welchem energischen Widerstand 
in der eingeschlagenen Richtung weiterzubewegen. Und wäre 
eg nicht eine natürliche Wirkung des verwerflichen Täuschungs- 
verguches gewesen, wenn nun der König thatsächlich zum Äußer- 
Sten vorgeschritten wäre? 
Wäre es aber auch wirklich gelungen, den König zu über- 
ligten, 80 würde doch damit wahrlich kein Glück für die Prie- 
Sterin gewonnen gewesen Sein. Denn aun würde Sie in der 
Heimat eine Beute der Gewisgensqualen geworden Sein, und die 
Fähigkeit, als reines Glied des Atridenhauses ein neues Leben 
in demgelben zu beginnen, wäre mit der Verstrickung in die 
Sünde verloren gewesen. So ist denn dieser Akt ein Akt der 
Umkehr, ein Herabsteigen von dem Höhepunkt der 
Handlung; denn unsere Hoffnung auf das Heil der Spieler, 
welche am Schluß des dritten Aktes vor dem Auftreten des 
tragischen Momentes lebhaft war, iSt Jetzt eine viel gerigere 
wie damals. Freilich ist es durch diese Wendung dem Dichter 
gelungen, unserem Interesse hier eine neue Spannung zu 
geben, welche er durch die Weiterführung der Handlung auf 
dem gegebenen Wege nicht bewirkt haben würde. Er bedient 
Sich also hier eines uns Schon bekannten Kunstmittels, durch 
die Einfügung dieses Momentes der Spannung auch für 
den zweiten Teil der Handlung ein Interesse zu erwecken, das 
bei gerader Fortbewegung viel Schwerer zu erreichen gewesSen 
Sein würde, indem er 50 die von uns erwartete LösSung zu 
einer unwahrScheinlichen macht. Immerhin ist uns aber doch 
nicht alle Hoffnung auf eine Solche genommen; ein tra- 
gischer Ausgang erscheint Keineswegs am Schlusse des vier- 
ten Aktes notwendig. Zwar Pylades ist gänzlich befangen in 
der verhängnisvollen Meinung, nur auf dem von ihm ge- 
wählten Wege könne man zum Heile gelangen. Anders 
aber Steht es mit Iphigenie, und Sie muß doch Schließlich den 
Ausschlag geben. Nur 80 lange Sie unter der direkten Einwir- 
kung des Pylades Steht, vermag SIe den inneren Widerspruch 
gegen Seine Wege Soweit zurückzudrängen, daß Sie einwilligt, 
diegelben mit ibm zu betreten. Aber Schon der erste Verguch, 
dies Arkas gegenüber durchzusetzen, Scheitert eigentlich, und 
nachdem Pylades Sie nach der Unterredung mit ihr verlässen,
	        

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