Full text: Jahrbuch des Vereins für Wissenschaftliche Pädagogik - 36.1904 (36)

4 J. Dietz. 
verhältnisse, den beständigen Kriegszustand der Welt 
dokumentiert, liegt überhaupt eine rückwärtsSchauende 
geschichtliche Betrachtung Sehr nahe. 
Dieges auf der Grundlage der Lehensverfasgung, des 
freien GehorgSams, zum NationalbewusstSein gelangte Frank- 
reich, das als le „doux pays“, „douce France,“ le „grand 
pays“ Sich als eine grosse Kinheit der heidnischen Welt 
gegenüber YVorstellt, Sich zu einer glorreichen Zukunft be- 
rufen fühlt, da es unter Gottes ganz besonderm Schutz, 
in desSen Dienst gegen Seine Feinde Steht, dieses Frank- 
reich, das nach dem rührenden Ausdruck von Michelet wie 
eine Person geliebt werden kann, das Sich in der Tat in 
der Persönlichkeit Karl's anschaut, Sich mit dergelben 
identifiziert, was hat es bis jetzt für SchickSale gehabt, 
was hat eine derartige Verschmelzung Seiner verschiedenen 
Elemente zustande gebracht, dass Gallo-Römer und Franken 
' eins geworden Sind und ihr gemeingames VolkSideal in 
dem grogen Germanen Karl und Seinem Paladin Roland 
betrachten? Mit andern Worten: Die MisSion, weiche 
Frankreich Sich in diesem Epos zuschreibt, als das Haupt 
der Christenheit und unter ihrem grossen Karl, des Er- 
folges Sicher, zur Eroberung und Bekehrung der Welt zu 
Schreiten, regt Solche Fragen an, an deren Hand eine fast 
tausendjährige Geschichte verlaufen kann. Es mögen einige 
Andeutungen hier genügen : 
Gallien, das von den Römern Sprache und Kultur er- 
halten, war vor der Einwanderung der Burgunden, West- 
goten und Franken ein vollständig christlich, katholisches 
Land ; im 2. und 3. Jahrhundert hatte es Seine christliche 
Treue durch das Blut der Märtyrer begiegelt. An einen 
Solchen Märtyrer erinnert das Banner Karl's „MontJoie“ 
und der Kriegsruf „Montjoie et St. Denis“ im Liede. Dieser 
St. Denis, der Schutzheilige der Könige von Frankreich, 
in dessen Abtei zu St. Denis Sie beerdigt wurden, erlitt 
den Märtyrertod auf dem Hügel Montmartre (Berg des 
Märtyrers) in Paris. Der Berg wurde auch Montjoie genannt, 
da der Märtyrertod die Seligste Freude der Christen war. 
Man Stelle Sich nun am Ende des 5. Jahrhunderts die 
Not der Katholiken in Gallien vor, als Sie im Süden und 
Osten von den Arianern, die Sie von Rom trennten, und 
im Norden von den heidnischen Franken umgeben waren! 
Ihre Herzensgangst war übergross, ihre Lage Schien
	        

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