Full text: Pädagogisches Archiv - 8.1866 (8)

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Das vielfache Eindringen fremdartiger Bildungselemente von Perſien 
und Alexandrien her, das wir in den lezten Jahrhunderten v. Chr. bei 
dem jüdiſchen Volke bemerken, der Einfluß einer höheren .und allge- 
meineren Cultur, das ſcharfe Hervortreten der religiöſen Parteien in 
den Phariſäern und Sadducäern, dies und manches Andere findet ſein 
Wiederſpiel in den Entwicklungen der <riſtlihen Kir<e ſeit der Refor- 
mation. -- Aber, ſo kann man gegen dieſe ganze Vergleichung ein- 
wenden, alle dieſe Zuſammenſtellungen ſind nur ein leeres Machwerk , 
der Reflexion, nur wirkli< abgelaufene geſ<hichtlihe Erſcheinungen laſſen 
ſich periodenweiſe vergleichen, die <hriſtlihe Kirche aber iſt keine abge- 
laufene, ſondern eine in voller Blüthe ſtehende Macht. Dieſer Ein- 
wand hat nur eine ſcheinbare Wahrheit, Der tiefere Grund der 
Einheit und damit au< der Vergleihung zwiſchen Zudenthum und 
Chriſtenthum, liegt, wie ſhon vorher geſagt, in der Einheit des gött- 
lichen Geiſtes und in ihrem hiſtoriſchen Verwandtſc<haftsverhältniſſe, 
nah dem ſie ſich wie die Vorbereitung zu der Erfüllung, oder, um mich 
eines bildlichen Ausdruäs zu bedienen, wie die Mutter und die Tochter 
zu einander verhalten. Wie man bei der Tochter die Aehnlichkeit der 
Mutter aufſucht, auc<ß wenn ſie noc< weit von dem Ziele ihres Lebens 
entfernt, in den Jahren der Kindheit oder in der Blitthe ihrer Ent- 
wiklung ſteht; ſo weiſt uns auh das alte Teſtament durch ſeine Weis- 
ſagungen und das Typiſche ſeiner Erſcheinungen überall auf das kom- 
mende Meſſiasreih und deſſen Geſchichte hin, und gehen andrerſeits 
Chriſtus und die Apoſtel überall auf die Ausſprüche der Propheten 
und auf die vorbedeutenden Erſcheinungen zur Zeit des alten Bundes 
- zurüs. Dieſe, bei den Begründern unſeres Glaubens überall hervor- 
tretende Auffaſſungsweiſe giebt nun auch uns Grund und Veranlaſſung 
zu weiteren Vergleihungen. Wiſſen wir gleich nicht, ob das Ende der 
Welt noh entfernt, oder ob, . entſprehend der Meinung gewiſſer <riſt- 
liher Sekten, die zeitlihe Entwieklung des göttlichen Reichs ihrem Ende 
nahe iſt, ſo haben wir doch in den angegebenen Gründen Recht und 
Anregung zu den Fragen: wie hat ſich der göttliche Geiſt vor Chriſtus, 
und wie hat er ſic na<h Chriſtus gegenüber den weltlichen Dingen, 
der irdiſchen Wiſſenſchaft, wie hat er ſich der Abgötterei, der Sünde, 
dem Abfall gegenüber kund gegeben? Wir dürfen es nicht für eine 
unfruchtbare Aufgabe anſehen, die göttlihen Führungen zur Zeit des 
alten Bundes mit den Prüfungen, Kämpfen, Siegen des <riſtlichen 
Geiſtes vergleihend zuſammenzuhalten. Nicht darauf fällt dabei das 
Hauptgewicht, ob etwa die verglihenen Perioden in allen hervorragen- 
den Erſcheinungen und Thatſachen, in ihrem ganzen Typus einander
	        

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