Full text: Pädagogisches Archiv - 8.1866 (8)

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wenig zu ſehen. Jeder fühlte ſich als Rector in ſeiner Klaſſe. Der 
Rector ſelber war dies eigentlich nnr in der ſeinigen. Na außen hin 
waren die Schulen vielfac< auf das entſeßlichſte gebunden, gedrü>t und 
herabgewürdigt. Jedes Rathsmitglied fühlte ſich als Vorgeſeßten der 
Lehrer : e8 waren oft die kleinlichſten Launen und Eiferſüchteleien, welche 
dem beſten Wirken entgegenarbeiteten. Die Geiſtlichkeit endlich betrachtete 
ſi< als die natürliche Obere der Schulen, die ja zum Theil in kir<- 
lichen Funktionen ſtanden, deren Lehrer zum Theil geiſtliche Aemter be- 
kleideten, Dies war erträglich) geweſen, ſo lange die Lehrſtellen von 
Theologen bekleidet wurden ; als aber der Lehrſtand ſic) zu emancipiren 
ſtrebte, als die Schulwiſſenſ<haften den Geiſtlichen weit über den Kopf 
gewachſen waren und ein eigenes Studium erforderten, fühlte man die 
Anſprüche der Geiſtlichen unangenehmer, da ſie nicht mehr auf innere 
Berechtigung ſich ſtüßen konnten. Es erſcheint uns völlig als ein ante- 
diluvianiſ<her Zuſtand, wenn wir in jene Zeiten zurüFbliken. Au die 
Salzwedeler Schule erſcheint uns in dieſem Lichte. 
Und doh iſt in dieſen Verhältniſſen wieder jo unendlich viel Ge- 
müthliches, daß man ſich aus unſern ſo wohl organiſirten Schulen gern 
wieder in jene Zeiten zurücverſezen läßt, wie wir denn gern dahin 
auch Harniſch gefolgt ſind; was uns daraus ſo heimathlimh anſpricht, 
iſt, unſern künſtlichen Verhältniſſen gegenüber, das Natürliche darin. 
Ordnung und Freiheit, Kunſt und Natur, das Allgemeine und das 
Individuelle, Amt und Perjon --- werden wir je aus diejem DualiSmus 
herausfommen ? werden wir je die Mitte zwiſchen dieſen Gegen- 
ſäßen finden? Es giebt keine Zeit, welche dieſer Mitte zuſtrebte; der 
natürliche Zug geht auf die Extreme. Wohin die Richtung unſerer Zeit 
geht, iſt nicht nöthig zu ſagen: es iſt kein Zweifel, daß einmal dieſe 
Richtung eine andere werden wird. Wenn nur da da3 Eine geſchieht, 
was allein möglich iſt, daß ſie durch ein inneres Maß gezügelt und 
beſchränkt werde, Do laſſen wir dieſen Punkt fallen, und lajſen wir 
auc< das Gute, was jene Zuſtände hatten, an uns vorübergehen. 
Vieles, was uns als unerträglih erſcheint, fühlte man damals 
weniger, da man deſſelben gewohnt war. Dies gilt namentlich von den 
äußeren Verhältniſſen. Was das Collegialiſche anlangt, jo fehlte zwar 
das Zuſammenwirken, dafür aber war dem Wirken des Einzelnen freierer 
Raum gegönnt. Seine Schritte waren. weniger gehemmt: ihm traten 
keine Rückſihten auf Ordinarien u. ſ. w. entgegen. Harniſc< erzählt 
ſo von dem herrlihen Woltersdorff, deſſen auc< wir uns von unſerer 
Sculzeit her noh erinnern; dieſer Eine wog ihm allen übrigen Leh- 
rern, den Rector mit eingeſchloſſen, gleich: wie wäre eine jolc<e Wirk-
	        

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