Full text: Pädagogisches Archiv - 8.1866 (8)

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ſamkeit in unſern Zeiten möglich ? Und doh iſt alle tiefere Einwirkung, 
die wir erfahren haben, ni<t von einem Lehrercollegium, es ſei ſo re- 
ſpectabel wie möglich, ſondern von einzelnen Perſönlichkeiten ausgegan- 
gen. Das Geſetz iſt allgemein: der Erzieher hat aus der Tieſe des 
eigenen Gemüthes heraus zu wirken. Und wenn nun in einem Col- 
legium eine Perſönlichkeit zurücktrat, =- und es hat ja nicht an ſehr 
ſ<wachen Lehrern gefehlt --- ſo traten meiſt andere für ſie ein und 
konnten für ſie Erſaß bieten, was in unſerer Zeit ui<t mehr möglich 
iſt. Die Organiſation zu einem Ganzen hebt den nicht, der ſeine Funk- 
tionen zu verrichten unfähig iſt, und legt dem, der das Fehlende leiſten 
könnte, Feſſeln au. J< ſpreche hierbei aus voller Erfahrung, und habe 
mich auc< in der Geſchichte der Schulen mehr als die meiſten meiner 
Leſer umgeſehen: ic< weiß ſehr wohl, was im ſage. Oft haben einzelne 
Männer Jahre lang eine Schule mitten unter Noth und Sorgen auf 
ihren Schultern getragen, und vollſtändig erſeßt, was die Uebrigen fehlen 
ließen. Dieſe einzelnen Männer ſind mehr werth als alle die wohl- 
geordneten und geregelten Verhältniſſe, deren wir uns erfreuen. Auch 
die Schüler fühlten ſehr wohl heraus, was ſie an dieſen Männern 
hatten. J<4 habe Schüler gekannt, die 4 bis 5 Jahre bei unjerm 
Rector blieben, weil ſie wußten, was er ihnen war. Sie folgten dieſen 
Lehrern wohl auf andere Schulen, wie es z. B. bei Spißner der Fall war, 
als dieſer von Erfurt wieder nach Wittenberg zurückehrte. Auch das Jn- 
ſtitut der Ordinariate, ſo hoch es auch geprieſen werden mag, kann ich 
nur für ein nachtheiliges8 halten. Wo die Zahl der Schüler nicht groß 
iſt, wo es alſo niht um einer gewiſſen äußerlichen Controlle wegen 
durc<aus unentbehrlich iſt, würde es beſſer fehlen. Die Folge jener 
Verhältniſſe nun war die, daß mehr innerlich tüchtige und kräftige 
Schüler gebildet wurden, als dies jeßt der Fall iſt. Auch aus dem 
Leben unſeres Harniſch leuchtet dies hervor. Er würde vielleicht aus 
keiner unſerer jehigen Schulen als der, der er war, hervorgegangen jein, 
Lange Zeit hat ſich dieſer Geiſt des Jndividuellen und Perſönlichen in 
Salzwedel erhalten, Dank ſeiner Abgeſchiedenheit, und ich gedenke daran, 
welche Charaktere auch ſpäter dort gebildet ſind. Die jeßigen Zuſtände 
ſind mir unbekannt. 
Auch das Leben der Schüler, wie es hier geſchildert wird, 
ſpricht uns äußerſt wohlthuend an. Die Verhältniſſe waren einfacher, 
die Bedürfniſſe geringer, die Empfänglichkeit für die Natur, für das 
Landleben größer ; Beſuche in der Nachbarſchaft, namentlich bei be- 
; freundeten gaſtlichen Predigerfamilien, erfriſ<hten und bildeten und gaben 
den jungen Seelen die Jdeale einer dereinſtigen eigenen Wirkſamkeit,
	        

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