Full text: Pädagogisches Archiv - 8.1866 (8)

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baren höheren Weltordnung zu Grunde liegt, und das au<h die Alten 
mit hellerem oder unklarerem Bewußtſein in ſich trugen; „denn ſo die 
Heiden, die das Geſez nicht haben, und doh von Natur thun des 
Geſees Werk, dieſelbigen, dieweil ſie das Geſeß nicht haben, ſind ſie 
ihnen jelbſt ein Geſeß, damit daß ſie beweiſen, des Geſees Werk ſei 
beſ<rieben in ihren Herzen, ſintemal ihr Gewiſſen ſie bezeuget, dazu 
die Gedanken, die ſich unter einander verklagen oder entſchuldigen.“ 
Römer 2, 14, 15. 
Die Religion, der religibs-ſittliche Geiſt, iſt die Grundbedingung 
aller wahren Bildung, und wo in irgend einem Volke blühende Cultur- 
zuſtände heranreiften, geiſtige Muſterſchöpfungen von unvergänglichem 
Werth geſchaffen wurden, da ſind ſie entſtanden unter Mitwirkung 
der der Religion innewohnenden Kraft, unter inniger Anknüpfung der 
menſchlihen Ordnungen an die höheren Anordnungen ungeſ<hriebener 
heiliger Geſeße ; und wer gegen jene göttlichen Ordnungen in ſtolzem 
Selbſtbewußtſein eigener Macht vermeſſen frevelte, den vernichteten nach 
dem Glauben der Alten gewaltige Schiſalsſ<läge, wie dies ſ9 gewaltig 
hervortritt im Sophokleiſ<en Schluß<hor der Antigone. Es geht ein 
tiefer Ernſt durch die Sittlichkeit und Religion der Alten. Ein leben- 
diges Zeugniß ſind die allbekannten großartigen Charaktere, welche die 
alte Geſchichte aufzuweiſen hat, jene wahrhaft edlen Geſtalten, welche 
die höchſte ſittlihe Achtung uns abnöthigen und auc< dem Chriſten 
glänzende Vorbilder ſein können. Soll ich erſt erinnern an das Zeit- 
alter der Bürgertugend und Heldengröße der Nömer, an jene Sitten- 
einfalt, Vaterlandsliebe, die einem Curius, einem Fabricius bei all' ihrer 
äußeren Armuth den höchſten Seelenadel verliehen? Und wie hell 
ſtrahlen uns aus der Grie<henwelt die zwei großen Männer entgegen, 
in denen die Macht des ſittlihen Geiſtes und der ſittlihen Zuchtung 
jo mächlig war, daß ſie ewig unerreichbare Vorbilder geblieben ſind: 
Socrates und Plato! 
In dieſen zweien hat uns Gott deutlich geoffenbaret, wie weit 
der angeborene Adel menſchlicher Natur aus eigener Kraft gelangen 
könne. Jhr beſißet, geliebte Schüler, in jenen Größen unverſiegbare 
Quellen der Bildung für die rechte Arbeit an ihrem inneren Menſc<en. 
Lernet von ihnen Bewältigung der eigenen menſchlihen Natur, ſammelt 
immerhin mit emſigem Sinn die Wiſſensſc<häße, welche jene zu Tage ge- 
fördert, aber ſjäumet au<h das andere nicht als bleibenden Gewinn davon- 
zutragen: nämlich aus den großartigen, ſittlich-religibſen Welt- und Leben8- 
anſc<auungen jener Alten eine willenskräftige Haltung, einen männlichen 
Sinn, der da beharret bei allem Wechſel, Ausdauer und Charakterfeſtigkeit!
	        

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