Volltext: Pädagogisches Archiv - 8.1866 (8)

Charakter des Knaben eine Reife geben, welcher unſere Knaben vielfach. 
in einem ſo hohen Grade bis in höhere Klaſſen hinauf entbehren. - Mit 
dem Bewußtſein der Kraft wird auch das Gefühl der Pflicht ſich früher 
als ſonſt einſtellen, und der Knabe wird, was er jekt in Folge eines 
Einfluſſes von außen her thut, mehr inneren ſittlihen Jmpulſen folgend 
vollziehen. Die Zöglinge Peſtalozzi'8 haben den Beſuchenden ſämmtlich 
den Eindru> gemacht, daß in ihnen volle Kindlichkeit mit Leichtigkeit, 
Sicherheit und Freudigkeit ihres Weſens ſich vereinige. Einen Theil 
von dieſen glülihen Neſultaten mag ſich allerdings Peſtalozzi's Per- 
ſönlichkeit vindicieren; er ſelbſt aber hat ſie niht ſowohl ſich als den 
Grundſäßen ſeines Unterrichts und ſeiner Erziehung beigemeſſen. Wir 
bemühen uns, Zdeen in die Seele unſeres Zöglings hineinzulegen, bei - 
denen derſelbe noch lange unfrei bleiben muß; verſuchen wir doch lieber 
Kräfte zu entbinden, welhe nur des Meiſters warten, der auh dieſen 
Seelen ſein Hephata zurufen könnte. 
Wir haben bis jezt no< von der Möglichkeit geſprochen, Knaben, 
deren Wahrnehmungsvermögen noh ſehr unentwielt iſt, auf eine ſyſte- 
matiſ<he Weiſe zum wirklichen Gebrauche ihrer Sinne8organe anzuregen 
und dabei zu leiten. Dies iſt aber noh nicht die eigentliche AnſHauung, 
ſondern erſt eine Vorſtufe zu derſelben. Wer auf die von uns ange- 
deutete Weiſe Objecte zu betrachten befähigt iſt, braucht darum no< 
nicht eine Anſhauung von jenen Objecten zu beſizen; das Weſen der 
Anſchauung beſteht darin 1) eine Vereinigung der einzelnen Wahr- 
nehmungen zu einer Totalität zu ſein, 2) zu einer Totalität jedoch, 
welche aus der geiſtigen Reproduction jener Wahrnehmungen hervor- 
gegangen iſt, alſo nicht einer durch unmittelbare ſinnliche Wahrnehmung 
gebildeten, ſondern aus den Vorſtellungen des Subjects reconſtruirten; 
daher . denn 3) dies Subject da8 Bewußtſein hat, daß dieſe Anſchauung 
ſein Werk ſei, etwas von ihm „gewonnenes“ ſei, mithin in ihr ſeiner 
ſelbſt im Gegenſaß zu dem Object ſich bewußt wird. Es wird nöthig 
ſein, hierbei einige Augenbli>ke zu verweilen. 
Wenn die Wahrnehmung erfolgt iſt, ſo geht in der Seele 
ein Prozeß vor ſich, dur< welchen die Wahrnehmung ihres concreten 
und individuellen Inhaltes entkleidet und in eine Vorſtellung umge- 
: wandelt wird, in welcher die Seele ihren weſentlichen und allgemeinen 
Inhalt ſic< aneignet und zu einem dauernden Beſihkthum macht. Sie 
ſetzt dieſen Prozeß nach derſelben Nichtung fort und gelangt zu immer 
allgemeineren Vorſtellungen und zu Begriffen, in denen ſie die Forde- 
rung an ſich ſtellt und erfüllte, von der wirklichen Erſcheinung ganz zu 
abſtrahiren und ſich nur mit einem reinen Gedankenbilde zu beſchäf-
	        

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