Full text: Pädagogisches Archiv - 8.1866 (8)

 
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ſondern ſpeciſiſ<en Anſhauungsunterrihte thun. Bis jekt haftet dieſer 
Unterricht noh immer an den Gegenſtänden, ſichtbaren oder unſichtbaren, 
welche ihm dargeboten werden; wir müſſen aber auc<h alle dieſe Gegen> 
ſtände fahren laſſen und die Seele des Knaben für die reine Anſchauung 
d. h. für Verhältniſſe an den Dingen, für Form, Größe, Maaß, Zahl 
u. ſ. w. zu bilden ſuchen. Jedermann, der ſim mit Peſtalozzi beſchäf- 
tigt hat, weiß, wie viel Gewicht derſelbe hierauf legte; eine große Zahl 
treffliher Schriften ſind aus dieſem Gedanken des unvergleichlichen 
Meiſters geboren. Man ſollte e8 kaum für möglich halten, daß jede 
Erinnerung daran ſo früh erloſhen iſt. Natürlic< hat der Knabe die 
Formen erſt an Körpern zu betrac<ten und ein Bewußtſein von ihnen 
ſich zu erwerben. Aber der Kreis von Formen, welche an Körpern er- 
kannt werden, iſt bald dur<hmeſſen; bald wird man dazu fortſchreiten 
müſſen, dieſe Dinge Form, Größe, Maß für ſich zu ſtudieren und die 
Relativität, in welcher ſie zu einander ſtehen, zu beobachten. Herbart 
hat in ſeinem ABC der Anſc<auung eine ſc<öne Darſtellung gegeben, 
was man mit dem Dreiecke zu machen im Stande iſt. ES iſt kein Spiel, 
was er damit treiben laſſen will, ſondern eine ſehr ernſte und für den 
angehenden Schüler unſerer Anſtalten vielleiht zu anſtrengende Arbeit, 
Lehrer und Schüler haben beide gleihmäßig dabei zu thun. Aber welche 
Frucht wird dadurc< gewonnen, zumal wenn man hierbei nie aus dem 
Auge verliert, daß e8 ſich darum handelt den Geiſt zu ſtärken, Kräfte 
zu entwickeln, nichts in die Seele hineinzulegen, jondern was in ihr iſt - 
zu Leben und Thätigkeit zu erwe>den, und überhaupt der Seele eine 
Richtung auf eigenes Denken, Thun, Schaffen zu geben. Die Methode, 
wie dies anzufangen iſt, mag dabei eine verſchiedene und Controverſen 
unterworfene ſein, über das Daß aber ſollte kein Zweifel obwalten. 
Der eine hält das Dreie>, der andere das Quadrat für den geeignetſten 
Anfangspunkt, und ich ſelbſt habe allerdings auc< das Quadrat bei 
dieſen Uebungen vorgezogen, und mit einem einfa<hen quadratiſchen 
Stü> ſteifen Papiers und deſſen durc< Kniffe jeder Art gewonnenen 
Theile meine Schüler vielſeitigſt zu beſchäftigen geſucht; leider kann ich 
mein Verfahren nicht näher darſtellen und zeigen, was ſich mit dieſem 
Blatte Papier machen läßt; ic< erwähne dies auch nur, damit meine 
geehrten Leſer nicht etwa glauben, daß ich ihnen Phantaſtereien vor- 
trage. Der Weg iſt mir gleichgültig, wenn er nur zu dem rechten Ziele 
führt; ſelbſt ein umſtändliherer und mühjamerer Weg ſollte mich weni- 
ger verdrießen, als dies geiſttödtende unv an ſich vernunftwidrige Ver- 
fahren, welches damit beginnt dem Knaben fremde Jdeen von oben her 
- einzutrichtern, ſtatt die lebendigen Quellen, die in der Tieſe vorhanden 
- FPädagog, Ur<iv. Dand VIU, (4.) 1866, 18 
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