Full text: Pädagogisches Archiv - 8.1866 (8)

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werden pflegt, ſteriler als der in der Religion. Es8 mag zum Theil 
in und an den Lehrern liegen, die ich kennen gelernt habe; aber es 
liegt dom überwiegend an der Richtung, welche unſere ganze Zeit hierin 
genommen hat. Dieſer Richtung fehlt, wie da8 auc< ſchon von Andern 
bemerkt worden iſt, das Rationelle, das Pſy<ologif<he. Daher ſchreibt 
es fich, daß dabei ſo wenig Dauerndes erreicht wird. Peſtalozzi wollte 
auch die ſittlihe und die religiöſe Erziehung und Bildung auf ſittliche 
und religiöſe Anſhauung gründen. Es war zunächſt die Anſchauung 
-von der Liebe der Mutter, welche die Empfindungen des Dankes, des 
Vertrauens und der Liebe begründen ſollte. Dank, Vertrauen und 
Liebe begründen die ſittliche Bildung in derſelben Weiſe, wie Form, 
Zahl und Wort das Denkvermögen begründen; aus der Entwilung 
dieſer Keime, welche die Mutterliebe gelegt hat, erhebt ſich das Kind in 
das unſichtbare Neich Gottes. Nur wer ſo kindlich reinen Herzens iſt, 
kann Gott ſ<hauen. Hieran knüpfte Reſtalozzi an. Dieſe Gefühle des 
Dankes, des Vertrauens und der Liebe jollen nun auf das Unſichtbare, 
auf Gott gerichtet und hierauf der Gehorſam gegen Gott gegründet 
werden, von welchem Gehorſam Chriſtus das vollkommenſte Beiſpiel 
-gegeben hat. Demnächſt ſollte das Kind Fertigkeit erlangen in Selbſt- 
beherrſ<ung. Endlich ſollte es auch hier zum Bewußtſein über ſich 
geführt und gewöhnt werden, ſich ſtrenge Rechenſchaft von ſeinem Thun 
und ſeinem ganzen Weſen und ſeiner ganzen Geſinnung zu geben. 
Auch hier auf dem Gebiete des Sittlich-religiöſen Bildung der Anſhauung. 
in dem oben von uns entwickelten Begriffe. Auch hier Anknüpfung 
an feſte, ſicher begründete, bereits vorhandene Vorſtellungsmaſſen, mit 
denen neue Wahrnehmungen, Jdeen ſich verbinden und verſchmelzen 
können. Wo dieſe vorhandenen Maſſen nicht ſind oder nicht benutzt 
und verwerthet werden, wie man ſo oft geſchehen ſieht, fehlt dem Kinde, 
dem Knaben der Maßſtab ſowohl für die Perſonen der bibliſchen Ge- 
ſchichte, als au<h für das Doctrinelle und natürlih geht aller Unter- 
richt über die Seele hin, wie die Wolke über die Ebene hinzieht. Die 
j<re>liche Selbſtſucht, welhe in allen Kreiſen des Lebens das Land 
überwuchert, iſt zum allergrößten Theil die Frucht von der dogmatiſie- 
renden Behandlung des Religiöſen in den Schulen und der in ihr be- 
gründeten völligen Frivolität dem Religiöſen gegenüber. 
- Die Religion iſt weſentlih eine ethiſ<e Disziplin, wie die 
Geſchichte. Zn der leßtern haben alle denkenden Wänner nac< Anſchau- 
ung geſtrebt, zunächſt na< der mehr äußerlichen, denn aber auch nach 
der inneren. Einer kann hier ſtatt vieler, ſtatt aller als Belag dienen, 
unjer Niebuhr, der Begründer der wahren Geſchichte, nic<t blos in
	        

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