Full text: Pädagogisches Archiv - 8.1866 (8)

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Dieſe Sonne iſt die Humanität, die Gemüthlichkeit, das Vertrauen. Sind 
unſere Schulen nur Kaſernen anderer Art, jo bekommen wir zwar wohl- 
geſchulte Zöglinge, nimmermehr aber wohlerzogene Jünglinge und Männer. 
Nur das Herz ſpriht zum. Herzen wohlthätig und erfolgreich, nicht 
militäriſ<e Strenge. Bei großen Gymnaſien iſt e8 auc<) nicht einmal, 
wenn der Lehrer fich no< ſo eifrig bemüht, mögli<, auf die Herzen 
der Einzelnen, deren Jndividualität er gar nicht kennen lernen kann, 
ſjegensSreich einzuwirken, und große Gymnaſien oder Realſchulen ſind oft 
nicht8 anderes als. Kaſernen. Gemüthlichkeit findet hier keine Stätte, 
kaum Humanität. Unter der Sonne der Gemüthlichkeit gedeihen alle 
Pflanzen, nur die Giftpflanzen verkommen, und das iſt ein Vortheil. 
Wenn man geſagt hat Preußen ſei das Land der Schulen und Kaſernen, 
ſo könnte man da3 leicht für eine Tautologie halten, namentlih wenn 
man manche Pädagogien und Alumnate dabei ins Auge faſſen wollte. 
Wenn nun dabei auch das Wiſſen und auc< wohl das Können erreicht 
wird, kann denn dabei die Religioſität erwekt, befördert und befeſtigt 
werden ? Ei, ſagt man, leßtere8 geſchieht ja dur< den Religionsunter-- 
richt. Dies will ih herna< ausführlich beſprechen oder vielmehr be-- 
ſtreiten ; jezt möchte ich es zuvor mit dem Wiſſen und Können zu thun 
haben. J<4 behaupte, auch das Wiſſen und Können wird nicht ſo er- 
reicht, wie man es wünſcht und glaubt, erſtens weil die Summe des 
Geforderten zu groß iſt, zweitens weil die Methode öfters nur mangel- 
haft iſt oder vielmehr ſein muß. ZI< behaupte 1a methode c&'est !'homme, 
Beides hängt eng zuſammen. I< bemerke aber ausdrüclih, daß ich 
hier nicht von den Schulen dieſes oder jenes Landes inſonderheit -- - 
denn in allen Dingen giebt e8 Ausnahmen, alſo au< im Schulweſen, und 
iwer wollte 3. B. die hohe Blüthe der preußiſchen Gymnaſien und Real- 
jc<hulen anzweifeln ? --- ſondern von dem Schulweſen Deutſchlands über- 
haupt und im Verhältniß zu dem Schulweſen Englands, Frankreichs 
und Amerikas ſpreche, und dann, daß Alles nur in Beziehung auf 
religidje Erziehung und .Bildung <riſtliher Geſinnung geſagt worden 
iſt und wird. In Bezug auf die Dreſſur werden Sie mir einwerfen, 
daß ja Sokrates, der Weiſeſte Ihres geliebten Griechenlandes ſelbſt nach 
dem Ausſpruch des heiligen Orakels, die Jugenderziehung mit der Dreſſur 
von Pferden (oder auc< Hunden ? Denn wie dieſe zur Erjagung des 
Wildes, ſo dürfte ja die Jugend dann auch zur Erjagung des Maturi- 
tätszeugniſſe8 abgerichtet werden) nach der* Ausſage des Xenophon zu- 
ſammengeſtellt hat, Oder Sie könnten glauben, daß i< von Ueber- 
treibungen ſprechen würde und zwar in einem Fache, wo ſie am ver- 
kehrteſten und verderblichſten ſind, wie in der Mathematik, wenn der 
Pädagog. Archiv 1866, Bd, VIII, (4). 19
	        

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