Full text: Pädagogisches Archiv - 8.1866 (8)

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Die objective Vernunft erzeugt ſie. Sie ſelbſt iſt es, die ſich wieder- 
ſpiegelt in unſerm Geiſt, die ihr göttlihes Liht mannigfaltig in dem 
Spiegel unſres Jnivendigen bricht, -- Glaube und Liebe erzeugend. -- 
Das innere Verhältniß de8 Glaubens und der Liebe zu Gott iſt das. 
Weſen, und das Gebet, der Cultus iſt die Erſcheinung und Aeußerung 
der Religion. Der Religion verdankt das menſchliche Leben ſeine ſchönſte 
und reinſte Entfaltung. Religion iſt das älteſte Leben der Menſ<<heit, 
von dem wir geſchichtlich wiſſen. Je weiter wir zurügehen, =- dieſe 
Triebkraft finden wir überall. Die geſammte höhere Cultur der Menſc<h- 
heit iſt eine Tochter der Religion, Staat8weſen, Kunſt, Wiſſenſchaft =, 
zwar eine allmählich mündig gewordene, aber dom mit Pietät an ihr 
hängende. --- Alle Religionen haben ſich auf Offenbarung berufen. 
Dies iſt ein Zeugniß für das Bedürfniß der göttlichen Offenbarung. 
“ Der Menſ< fordert eine göttliche Offenbarung. Das Chriſtenthum er- 
klärt ſich für die Neligion ſchlechthin, indem es ſich für die Offenbarung 
ſc<hleh<thin erklärt. Die Offenbarung wird gefordert dur< die Beſchaffen- 
heit unſerer Vernunft wie durc< die Beſchaffenheit unſres Willens. Sie 
iſt ein intellektuelles und ein ſittlihe8 Bedürfniß. =- Der Begriff des 
Wunders iſt, eine freie That des lebendigen Gottes zu ſein, welche nicht 
dem Zuſammenwirken der gegebenen Kräfte und Vorausſeßungen des natür- 
lihen Lebens entſtammt, ſondern von Gott aus in den Zuſammenhang 
deſſelben eintritt. Damit wird nicht der Zuſammenhang des natürlichen 
Lebens zerriſſen, aber er empfängt etwas, was ſich ihm auf das Jnnigſte 
einfügt. Chriſtus iſt ein Wunder. Er iſt geſchichtli< bedingt, er iſt 
geſchichtlich gefordert. Die Geſchichte iſt auf den Punkt angekommen, 
da ſie die Perſon Jeſu Chriſti, ſeine That forderte. Jeſus Chriſtus iſt 
eine ſittliche Nothwendigkeit, aber nicht eine natürliche Wirklichkeit, jon- 
dern eine übernatürliche. Das natürliche Leben erzeugt das Bedürfniß, 
aber nicht die Befriedigung dieſes Bedürfniſſes. Dieſe Befriedigung iſt 
eine unmittelbare That Gottes, etwas Neues, aber indem ſie die Be- 
friedigung dieſes Bedürfniſſes iſt, ſchließt ſie ſich mit dieſem in Einheit 
zuſammen. =-- Das Wunder iſt alſo nicht die Zerreißung des natür- 
lihen Zuſammenhanges, es iſt die Erfüllung deſſelben. 
Alle großen Geiſter hatten auf Chriſtum geweiſſagt, denn jeine 
Jdee war die Wurzel und Frucht ihrer Seele. Tertullian jagt: O Seele, 
die Du von Natur eine Chriſtin biſt 2c. So iſt Jeſus Chriſtus das 
Ziel der Geſchichte, ihre Triebkraft, ihr Geiſt, die Antwort auf die 
Frage mit der ſie ſchließt, die Löſung ihres Räthſels, der Schlüſſel 
unſeres Verſtändniſſe8 -der Weltgeſchi<te. Er iſt ihr Ausgangspunkt, 
iſt die Macht derſelben. Der ſiegreihe Gang des Chriſtenthums durch
	        

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