Full text: Pädagogisches Archiv - 8.1866 (8)

jezt eine niedrigere Stellung einnehmen, als früher, kann doh nicht 
fügli< bezweifelt werden : in früberer Zeit wurde, wer derſelben kundig 
war, wie ein beſonders Bevorzugter angeſehen; jekt gilt er häufiger 
für einen unpraktiſhen, Leben und Zeit nicht verſtehenden Menſc<<en. 
Der Preiscourant für die Alterthumsſtudien iſt eben niedriger, der für 
die Realien höher geworden. 
No< andere Stimmen geben die Thatſache als ſolche zu, leugnen 
aber, daß ſie bedauern8werth ſei: der Zwe> der Beſchäftigung mit den 
Sprachen ſei die harmoniſ<e Ausbildung der Geiſteskräfte: mit der 
Erreihung des Zweckes könne das Mittel hingegeben werden, und mit 
Recht wende ſich auf der Univerſität der Studirende ſeinem ſpeciellen 
Fach zu, ohne der Gymnaſialwiſſenſ<aften weiter zu achten. Zu ver- 
langen ſei nur, daß die Schule die Achtung vor jeder Wiſſenſchaft 
begründet habe; wer auf der Schule von lebhafterer Liebe zum Alter- 
thum ergriffen ſei, werde auch ſpäter gern zu der erſten Liebe zurück- 
kehren ; aber wenn es nicht geſchehe, jei es nicht zu bedauern ; das Heil 
des Menſchen hange nicht an einer Wiſſenſchaft. Dieſe Betrachtung iſt 
wahr und treffend, wenn wir nur das formbildende Element im alt- 
ſprachlichen Unterricht ins Auge faſſen; da derſelbe aber auch Herz und 
Gemüth feſſeln, alſo auch noch in anderer Weiſe wirken ſoll, als etwa 
die Mathematik; da ferner die Bekanntſ<aft mit dem Alterthum früher 
die allgemeine Bildung im Unterſchiede von den Fachwiſſenſchaften 
in vorzüglichem Grade vermittelte, ſo wird man wohl denen beiſtimmen 
müſſen, welhe wünſ<en, daß wenigſtens die Erholungsſtunden, das 
otium auc< beute no< dur< die Lectüre der mehr als zweitaujend» 
jährigen Meiſter geweihet und verſchönert werden möchten, wenngleich 
von anderer Seite dieſer Wunſch als eine Anmaßung der Philologen 
bezeichnet wird. 
Bei der Anführung der Gründe wird es ſich empfehlen, von denen 
anszugehen, die ſim der Einwirkung der Schule am meiſten entziehen, 
weil ſie außer ihr liegen: ſie werden nac< dem Zwecke der Conferenz 
nur einer kurzen Erwähnung bedürfen. Faſt alle Gutachten finden die 
Haupturſache der beſprochenen Erſcheinung in der gewaltigen Strömung 
der Zeit; und die Hinderniſſe, welche dieſe einer liebevollen Verſenkung 
in die altklaſſiſchen Meiſterwerke entgegen ſtellt, ſind ſo vollſtändig auf 
geführt, daß ſelbſt das Parteitreiben, die Ungebundenheit der Preſſe, 
die große Menge von belletriſtiſ<en und auf die Aufregung der Sinnlichkeit 
berehneten Zeitſchriften und Aehnliches nicht vergeſſen iſt. Dieſe 
Gründe möchten in der Stärke ihrer Wirkung einigen anderen gleich- 
ſtehen, die von anderen Seiten und in anderem Zuſammenhange geltend 
Pädagog. Archiv 1866 Bd, VI, (5). 99
	        

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