Full text: Pädagogisches Archiv - 8.1866 (8)

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keinem Stücke mehr die alten: der Unterricht8plan. iſt verändert, Lehrer 
und Schüler ſind ganz anderer Art als früher. Woher kommt das ? 
Der Staat der Intelligenz hat das ſc<öne und edle Prinzip, 
Bildung überall zu verbreiten ſo viel als nur möglich, übertrieben, und 
darunter leiden wir. Daß Leſen, Schreiben und Rechnen ein Gemein- 
gut aller ſein, iſt gut und richtig; au< die höhere Bildung muß allen, 
die ſie wollen, zugänglich ſein; aber -- ſie muß niemanden aufgedrun- 
gen werden; und das wird ſie bei uns vielen dur indirekte, aber fehr 
ſtarke Zwangsmittel. Kein Wunder, daß die, welche ſie nic<t wollen, 
nach Beſeitigung des Zwanges ſi< mit Unluſt von ihr abwenden: und 
dies iſt nach des Corref. Ueberzeugung der Hauptgrund, weshalb die 
altklaſſiſchen Studien nicht bloß von Studirenden, ſondern ſchon von 
Schülern und ſpäter von den Erwachſenen nicht bloß mit Gleichgiltig- 
leit, ſondern oft mit Ekel und Widerwillen betrachtet werden. Man 
zwingt zu etwas, wozu nur der freie Entſchluß treiben ſollte. 
Iſt denn wirklich für die ungeheure Zahl von Knaben, welche die 
jährlich ſteigenden Frequenzliſten nachweiſen, die gymnaſiale Ausbildung 
nothwendig oder auc nur wünſchenswerth? Jſt ſie es für den, der 
Kaufmann, der Soldat, der Forſtmann, der Poſtbeamter, Subaltern- 
beamter bei Gericht und Regierung werden ſoll; iſt ſie erforderli? für 
das Steuerfa<H und ſo viele andere Zweige der Staat8verwaltung? JIſt 
daher die Gründung von Gymnaſien in Kaufmanns8- und Handels-, in 
Induſtrie- und Gewerbeſtädten, wie ſie ſeit einigen Jahren in die Mode 
gekommen iſt, Zeichen einer geſunden Entwikelung oder Kunſtprodukt 
einer Treibhauscultur ? 
Na<h den zahlreihen und eine Zeit lang jährli< ſich mehrenden, 
leider auc< faſt jährlich wechſelnden Erlaſſen zu ſchließen, welche die 
Anforderungen für die einzelnen Zweige des öffentlichen Dienſtes regeln, 
beantworten die höchſten Staatsbehörden, und wenn aus der wacſen- 
den Zahl der Anträge auf Begründung neuer Gymnaſien eine Folge- 
rung erlaubt iſt, beantworten auch viele Stadtbehörden die Frage ent- 
ſchieden mit ja, und die wahſende Zahl der Schüler beſtätigt ja dieſe 
Antwort. Daher denn die Beeinträchtigung der anderen höheren, der 
Real-, und namentlih der Mittel- oder ſog. höheren Bürgerſ<hulen, 
wel<he, wenn wir einige Jahre in dieſem Zuge bleiben, zumal wo fal- 
ſcher Ehrgeiz ſtädtiſcher Behörden ins Spiel kommt, bald ganz eingehen 
werden. Die Zahl der Gymnaſien und Gymnaſiaſten wähſt, zur Freude 
ſelbſt von einſiht8vollen Shulmännern weit über das Maß der beſten 
Zeiten des alleinherrſ<enden Humanismus hinaus; und die Vorliebe, 
ja die Achtung für die Gymnaſialwiſſenſhaften nimmt von Tage zu
	        

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