Full text: Pädagogisches Archiv - 8.1866 (8)

-- 361 
Tage ab; das iſt das Reſultat, welches der übermächtige Einfluß eines 
wohl organiſirten Staates auf die Geſtaltung der höheren Unterrichts- 
Anſtalten und die Lähmung der bei dieſer Geſtaltung mitberechtigten 
und mehr berechtigten Factoren gehabt hat. Darum kann man ſich 
nicht wundern: der Strom gymnaſialer Bildung iſt nie breiter und nie 
jeichter geweſen als jeßt. 
- „Za, wenn alle die jungen Leute, welhe durc< die wohlwollenden 
Beſtimmungen der Staatsbehörden und die Gleichgiltigkeit oder Kurz- 
ſichtigkeit der gebildeten und halbgebildeten Menge den Gymnaſien über- 
liefert werden, aus Neigung und bei ausreichenden Fähigkeiten ſich zu 
diejer Art der Ausbildung entſchlöſſen ; wenn auch nur ihre Eltern die 
aufrichtige Ueberzeugung hätten, daß ſie die nothwendige oder nur die 
wünjchensSwertheſte Vorbildung für das Leben ſei! Aber es iſt ja ein 
offenkundiges Geheinmiß: an der allgemeinen gymnaſialen Ausbildung, 
an Humanität und anderen ſolhen ſchönen Sachen liegt Zungen wie 
Eltern herzli< wenig: Brot und eine anſtändige Lebensſtellung, das iſt 
der große Zweck, um deſſen willen die Knaben und die Eltern ſich willig 
oder unwillig dem privilegirten Zwange unterwerfen. 
Sind es dieſe Knaben, dieſe Jünglinge, von denen wir dereinſt 
Propaganda für die altklaſſiſ<en Studien oder die Gymnaſialwiſſen- 
ſchaften erwarten ? Sie ſind es ja, die ſpäter den Strom der öffent- 
lihen Meinung gegen ſie kehren und anſchwellen. Aber, wird man 
jagen, dieſer Theil unſerer Gymnaſiaſten bleibt gar nicht bis zur Abi- 
turientenprüfung. Alle nicht, nein: aber ein ganz anſehnlicher Theil 
wird ſelbſt auc< dazu no< genöthigt, da für verſchiedene Berufszweige, 
welche zwar eine allgemeine, immerhin auch eine höhere, ſicher aber 
keine gymnaſiale Vorbildung erfordern, das Gymnaſial-Maturitätszeugniß 
verlangt wird. Aber dieſe Knaben, die durc< das Bedürfniß eines Pri- 
maner- oder Secundanerzeugniſſes gegen ihren Willen, gegen ihrer Eltern 
wahre Ueberzeugung mindeſtens bis in die Secunda, oft auch no< bis 
in die Prima hineingetrieben werden, bilden den Hauptbeſtand in den 
Mittelklaſſen und darin jene träge, zähe Maſſe, welche, mit Reht außer 
Stande die Nothwendigkeit der Erlernung der alten Sprachen bis zu 
einem Ziele das kein Ziel iſt zu begreifen, dur< beharrlihen und höchſt 
erfolgreichen paſſiven Widerſtand den Lehrer zur Verzweiflung bringt 
und den Standpunkt der Klaſſen ſo herunterzieht, daß auch die ſtreb- 
jameren Schüler, dur< die bleierne Shwere der bruta woles auf 
. Scritt und Tritt verzögert, den friſhen Shwung und die fröhliche 
Luſt. an der Sache nur zu oft einbüßen. So verbreitet ſih denn wie 
ein langjam ſchleihendes Gift überall hin Unluſt und Mißmuth, und
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.