Full text: Pädagogisches Archiv - 8.1866 (8)

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Sprache gekommen. Dauer im Wechſel, Wechſel im Dauernden --- 
wir begegnen ihm auch hier. 
In dieſem Wechſel hatte ſich namentlich ein Bildungselemeni er- 
halten, dur< alle jene Phaſen hindurch gerettet, die Sprachen. Amos 
Comenius ſo wenig als die Philanthropiſten hatten ſte aufzugeben ge- 
wagt; ſie hatten ſie nur in ihrer Weiſe zurechtzulegen und zu moder- 
niſiren geſucht. Jeßkt erſchien der große Regenerator der Schule, welcher 
ſie mit ſtarfer Hand wieder auf die Sprachen zurücklenkie. Wolfs Er- 
ſcheinung war feine iſolirte. Von Winkelman war die Nichtung auf 
das Antike ausgegangen, Leſſing und Herder waren in ſeine Fußtapfen 
getreten. Zeder von ihnen haite ein neues Element hinzugebracht: 
Winkelmann die divinatoriſc<he Intuition, Leſſing die Kritik, Herder das 
poetiſ<-humane. Dann war die Poeſie gleichfalls zu den Alten zurüc- 
gefehrt, Die bildende Kunſt iſt ſpäter gleichfalls diejen Weg gegangen. 
In dieſe gemeinſame Tendenz ging auch Wolf ein. Es 'war eine For- 
derung der Zeit, welche er erfüllte. Das Erblühen einer nationalen 
Poeſie, das Bekanntwerden der Kantiſchen Philoſophie coincidirten hier- 
mit. So floſſen mit dem antiken Elemente das äſthetiſch-poetiſche und 
das rationale zuſammen. Ueber ein halbes Jahrhundert hat dieje Nich- 
tung in den Schulen prävalirt: wird ſie Dauer haben ? oder wird au< 
bei ihr geſchehen, was bei den alten proteſtantiſchen Schulen, bei Amos 
Comenius, bei Franke, bei den Philanthropiſten geſchehen iſt, daß ſie 
aufhört und neuen Tendenzen weicht, und nur das, was wahres, blei- 
bendes in ihr enthalten iſt, fortdauert und ſich, nur nicht als ſelbſt- 
ſtändiges, leßtes, ſondern eben nur als Moment in dem neuen erhält? 
Es iſt nicht gerathen, vorauszuſagen, was kommen wird; denn es giebt 
keine Philoſophie der Zukunft: oft ſteht, was wir heute kaum ahnten, 
ſchon morgen fertig da: aber das dürfen wir, zuſehen ob eine Abnahme 
der Kräfte in der Wolfiſchen Nichtung bereits ſichtbar ſei, ob wir in 
der Signatur dieſer Nichtung Anzeichen des Sinkens, des Verfails wahr- 
nehmen, und auc) das dürfen wir ſehen, ob dieſes Sinken ein unhemm- 
bares jei, oder ob es Mittel und Wege gebe, ihm Einhalt zu thun. 
Man ſoll uns nicht übereilten Urtheils zeiben. Wir machen auf die 
Indicien des Verfalls aufmerkſam, aber um Kräfte aufzuraffen, welche 
dieſem Verfalle begegnen könnten. Jedenfalls aber iſt e8 doch no< 
beſſer der heraufziehenden Wolke gerade ins Auge zu ſehen, als, wie 
der Vogel Strauß, das Auge zu ſchließen und ſich in eitlen Tänſchungen 
zu wiegen. 
Als Wolf die Sprachen wieder in ihre alten Ehren einſeßte, 
meinte er nicht, ſie als ein Bildungsmittel gebrauchen zu wollen, das
	        

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