Full text: Pädagogisches Archiv - 8.1866 (8)

-- 420 -- 
Frau oder Tochter eines Raths oder Majors in kleinen Staaten auf 
Hofbällen mittanzen, in Hofconcerten mit zuhöxen darf, ſo wird man 
das hoffentlich nicht ein Bewegen im eigentlihen Hofleben nennen) =- 
dieſe fallen aber nicht mit unter den Begriff „höhere Stände“ -- ſie 
mögen ihren Zwec> dur< das Bonnenweſen oder durc<s Leben ſelbſt 
erreichen, und erreichen ihn dadurc< meiſtens vollſtändig und leicht; 
2) von denen, die als Erzieherinnen und Lehrerinnen wirken wollen ; ſie 
gehören freilich meiſtens den höheren Ständen an, ja die Zahl derer, 
die ſich aus dieſen Ständen dieſem Berufe widmen, hat ſich vielleicht 
von Jahr zu Jahr in dem Maße vermehrt, als die ganze Erziehungs- 
und Unterrichtsweiſe der Töchter je mehr und mehr eine Richtung ein- 
jc<hlug, die auf den ſpeziellen Beruf der Erzieherinnen und Lehrerinnen 
losſteuerte, den allgemeinen aber, den der Hausfrau und Mutter, außer 
Acht ließ. Die Jungfrau aber, die Erzieherin oder Lehrerin wird, *) 
eer mnmeredenenterteneenn 
 
*) Seitdem dies geſchrieben iſt, hat ſich die Frage über ſog. Frauenarbeit, d. i. 
über gewerbliche Berufs8arbeiten der Frauen weit mehr in den Vordergrund 
gedrängt. Zunächſt iſt hier zu bemerken, daß es zum Criterium der höheren Stände 
gehört, daß die in der Familie ſtehenden Frauen (und Kinder) nicht mit für den Erwerb 
arbeiten. Dies fällt im Allgemeinen allein dem Manne zu ; die Frau hat ihm dies 
nur durch eine verſtändige Kindererziehung und durch treue, umſichtige und ſparſame 
Führung des HausShalts zu erleichtern. Iſt alſo hiex von gewerblichen Berufsarbeiten 
für Frauen die Rede, ſo kann ſich dies nur auf einzeln ſtehende Frauen beziehen, und 
wer wollte es da jeder Einzelnen verargen, wenn ſie durch eigene Arbeit ſich eine 
behäbige Exiſtenz zu gründen ſucht, anſtatt zu entbehren, oder von Wohlthaten anderer 
zu leben. Jede Unterſtützung, die die Erfolge dieſes ehrenhaften Strebens fördert, hat 
gewiß Auſpruch auf dankbarſte Anerkennung. Allein die Beſtrebungen der neueſten Zeit 
auf dem Gebiete der ſog. Organiſation der weiblichen Arbeit ſind doch wohl von recht 
zweifelhaftem Werthe, indem ſie ganz dazu geeiguet ſind, aus der Noth eine Tugend 
zu machen und den Unabhängigfeitsſiunn vor der Zeit im Weibe zu wecken und zu 
nähren. Wir glauben, daß, in den hier in Betracht kommenden Ständen wenigſtens, 
die Zahl der einzelſtehenden Frauen faſt in dem Maße wächſt, als ſie ſich beſtimmten 
gewerblichen Berufsarbeiten widmen, ſo daß man mit der Beſſerung eines ſozialen 
Vebels ein anderes ſchlimmeres nur nod tiefer einreißen läßt. Wir finden gegen das 
zuletzt angedeutete Uebel ein ſichereres Mittel in der häuslichen Erziehung der weib- 
lichen Ingend zur Beſcheidenheit, Einfachheit, Häuslichkeit und Sparſamkeit 2c. In 
dem Maße als dieſe Geſinnungen und Tugenden bei der weiblichen Jugend die herr- 
ſchenden werden, wird auch die Zahl und die Dauer der Ehen wachſen, indem die 
Männer, durch ſolche Wahrnehmungen ermuthigt und angezogen, in größerer Zahl und 
zu einem früheren LebeuLalter ſich eine Lebensgefährtin ſuchen. Auch die troß alledem 
unverheirathet bleibenden Frauen =- und ſolche wird es noch immer geben -- werden, 
in dieſem Sinne erzogen, leichter und heiterer durc<8 Leben gehen, und in größerer 
Abſolut= und noch größerer Procent=-Zahl als Gehülfen oder Stellvertreter der Haus 
frauen 2c. eine Beſchäftigung finden, die ihrem ganzen Sein und Weſen weit ange- 
meſſenev iſt, als die ſpecifiſch gewerbliche Berufsthätigkeit.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.