Full text: Pädagogisches Archiv - 8.1866 (8)

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geringer, jemal8 für die Zwecke der Anſtalt in Einfachheit, Wahrheit 
und Unſchuld wirklich einig zu werden. Peſtalozzi ſelbſt trug große, 
die ganze Menſchheit umfaſſende Jdeale in ſich; aber er beſaß nicht 
Fähigkeit und Geſchi>, auch nur der kleinſten Dorfſ<ule vorzuſtehen. 
Seine Phantaſie ließ ihn dieje Jdeale bereits erfüllt jehen, im gegen- 
wärtig Geleiſteten künftige Entwielungen vorwegnehmen. So täuſchte 
er, ohne es zu wollen, ſih und andere. In dieſen Kreis trat nun 
Raumer ein, mit dem Willen in der Anſtalt zu leben, in ihr zu lernen 
und ihr mit allen Kräften zu dienen. Er zog daher ganz in das 
Inſtitut, ſchlief in einem der großen Sclaffäle, aß mit den Kindern, 
beſuchte die Lehrſtunden, das Morgen- und Abendgebst und die Con- 
ferenzen. Er ſah und hörte aufmerkſam und ſchweigend ; ſelbſt ſchon 
lehren zu wollen lag ihm fern. Die Lehrer ſcheuten ihn deshalb bald, 
wie ihm Peſtalozzi mittheilte. JIndeß cr blieb dabei, erſt ſchweigend 
lernen zu wollen, ehe er ſelbſt unterrichte. Ju Peſtalozzis Weiſe wäre 
er allerdings außer Stande geweſen Mineralogie zu lehren, wozu ihn 
Peſtalozzi dringend aufforderte. Abgeſehen von dem oben erwähnte 
ſind es beſonders drei Schäden, welche Raumer hervorhebt: 
1) es waren in Iferten deutſche und franzöſijche Kinder unter- 
einander gemengt. Die Eltern ſahen eben darin einen beſonderen 
Vorzug dieſer Anſtalt, um ihre Kinder auf die leichteſte Weiſe zur 
Zweizungigkeit zu bilden. Die Anſtalt aber erhielt dadur< einen zwit- 
terhaften Charakter und entbehrte einer eigentlihen Mutterſprache. 
Jedes Gebet wurde ſo erſt deutſc< und dann franzöſiſc< gehalten. Das 
einzige Mittel dem Schaden abzuhelfen wäre die Theilung der Anſtalt 
in zwei Inſtitute geweſen; der Antrag hierauf ging aber nicht durch. 
Peſtalozzi hat dies ſpäter ſelbſt eingeſtehen müſjen, 
Der zweite Uebelſtand war der ſhon von Ramſauer hervorgeho- 
bene, daß es der Anſtalt an einem Familienleben, an einem häuslichen 
Ton, an der Wohnſtube, wie Raumer ſagt, fehlte. Man hatte in dem 
alten Schloſſe wohl Schlafſäle, Eßſäle, Hörſäle, aber nicht die von 
Peſtalozzi ſo hoch geprieſene Wohnſtube. Raumer fühlte dies doppelt, 
da er den kleinen Friß Reichardt von der Familie anvertraut erhalten 
hatte, um ihn dem Inſtitute zu übergeben. Jekt bekümmerte ihn die 
unheimliche, ja wüſte Exiſtenz, in der ex ihn ſah, und beunruhigte jein 
Gewiſſen. 
Das Dritte war Peſtalozzt's Anſicht von den Lehrern und ihrem 
Verhältniß zu der Methode und zu den methodiſchen Lehrbüchern. 
Dieſe Lehrbücher ſollten eigentlich alle Lehrgabe und Uebung im Lehren 
erſezen. Reſtalozzi's Jdeal von einem Lehrer war eben dies, er ſollte
	        

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