Full text: Pädagogisches Archiv - 8.1866 (8)

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erwärmt, oder um die Perſon des Schülers ſich ereifert hatte, vielleicht 
mehr als die Rückſicht auf meine eigene Perſon es zuließ, ſo muß ich 
mir jeßt ausdrüclih vornehmen in den ſechzig Minuten mich 
niht ſo alteriren zu laſſen; oder wenn ic< mich denno< vergeſſen 
ſollte und meine Kraft iſt bereits erſchöpft, ſo muß ich vielleicht irgend 
eine äußerliche, mechaniſ<e Uebung mit den Schülern anſtellen, die 
dann freilich ſo wirkt wie in der Kir<he das Verleſen von einigen 
Dußend Eheproclamationen nach einer ergreifenden Predigt. Unter- 
richten und Kenntniſſe den Schülern beibringen kann ich auc< 
länger als 60 Minuten hintereinander, und wenn ich mein Hand- 
werk verſtehe, ſo werde ich zugleich dafür zu ſorgen wiſſen, daß auch 
bei den Schülern die geiſtige Kraft nicht überſpannt wird; aber 
wenn ich von vornherein mit meiner Kraft rechnen muß, jo geht 
vielleiht das Beſte verloren, was ich ſonſt den Schülern darzubringen 
vermochte, und was in ihrem ſpäteren Leben viel länger eine treibende 
Macht blieb, als die Vocabeln, welche ic< ihnen eingeprägt, oder als 
die Regel, deren Verſtändniß ich ihnen erſchloſſen hatte. =- War ich 
dagegen früher ein bloßer Stundengeber, -- nun dann ſind die, 
10 Minuten mehr keine ſo große Sache, daß man davon noh erſt 
- viel Aufhebens8 zu mächen braucht; ich werde mich auch ſpäter ſo ein- 
zurichten wiſſen, daß mir nicht Ueberlaſt geſchieht, und Niemand wird 
auftreten können und mir ſagen, daß i<m meine Pfliht vernachläßige. 
Alſo laſſen wir bei der betr. Verfügung die Perſon des Lehrers und 
ſein ſelbſtiſ<es Intereſſe aus dem Spiele und halten wir uns lieber 
an die Sache. 
Die Praxis, daß je die erſte Unterrichtsſtunde mit dem Gloden- 
ſchlage beginne und 60 Minuten dauere, hat hie und da ſchon 
längſt beſtanden; der Nachweis aber, daß Schulen, in denen ſie beſtand, 
vor anderen ſich durch ihre Leiſtungen ausgezeichnet, und wenn dies 
auch der Fall wäre, daß ſie eben de8halb, weil ſie wöchentlich circa 
1!'/, Stunde mehr Unterrichtszeit gehabt, mehr geleiſtet hätten, als 
andere, dürfte ſc<hwerlih geführt werden können. Es iſt überhaupt ein 
eigenes Ding mit dem ruheloſen Wechſel, welchem die Geiſteskraft der 
Schüler bei den einmal beſteher. den Shuleinrichtungen unterworfen iſt ; 
das wird ſich eben nicht ändern laſſen, wie ſehr man auch überzeugt 
ſein mag, daß (wenigſtens in den oberen Klaſſen) ſhon das blos 
äußerlihe Zuſammenrüken der einzelnen Unterrichtsobjecte - mit dex 
länger dauernden Concentration des Geiſtes auf einen Gegenſtand, 
auch beſſere Reſultate des Unterrichts als die jezt gewonnenen zuwege 
bringen würde. Man mag ferner über die Pſychologie und ihre An-
	        

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