Full text: Pädagogisches Archiv - 8.1866 (8)

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Facultätsſtudium anſieht, für wel<es man bei den verſchiedenen Facul- 
tätsſtudien einen leidlich übereinſtimmenden Grad von Vorkenntnijjen 
und Vorbildung glaubt vorausſeßen zu können, während die LebenSs- 
bahnen, in welche der größere Theil der Realſchüler unmittelbar über- 
gebt, ſo vielgeſtaltig in ihren Verzweigungen und ſo mannichfach in , 
ihrer Bedeutſamkeit und Ausdehnung ſind, daß es jcheint, als wenn 
mit dem Worte Reife ſi< bei einem Realjc<hüler kein beſtimmter 
Begriff verbinden laſſe, er gewiſſermaßen gegenſtaudslos ſei. Allein es 
ſcheint au< nur ſo. Denn abgeſehen davon, daß die Ablegung des 
Abit.-Exames für gar manche Gymnaſiaſten nicht die Bedingung zum 
Vebergange zur Univerſität, ſondern zu Lebensbahnen iſt, welche auch 
den Realſchul-Abiturienten geöffnet ſind, haben ja die Anforderungen 
für das Maturitätszeugniß im Laufe der Zeit manuichfache Abänderun- 
gen erlitten, von denen man keinesSwegs behaupten kann, daß fie durch 
. eine veränderte Geſtaltung der Univerſitätsſtudien hervorgerufen worden 
wären, und demnach drückt die Zuerkennung der Reife auch beim 
Gymnaſial-Abiturienten im Grunde nur aus, daß er den oben geltenden 
Anforderungen, wie ſie das beſtehende Neglement vorſchreibt, entſprochen 
habe, daß das Werk der Schule an ihm gewiſſermaßen vollendet ei. 
Warum ein gleicher Begriff nicht auch bei dem Realſchul-Abiturieuten 
ſtatthaft ſein ſollte, iſt nicht einzuſehen ; jedenfalls leuchtet ein, daß 
wenn der Ausdru> „Zeugniß der Reife“ bei dieſen ſo ſehr an Unbe- 
ſtimmtheit litte und die erwähnte Bedeutung ihm nicht beigelegt werden 
könnte, er durc< Hinzufügung der Geſammtprädicate j<werli< an Ver- 
ſtändlichkeit gewinnen würde. =- J< wende mich daher zu der Frage, 
ob von dieſen Geſammtprädicaten eine wohlthätige Rükwirkung auſ 
die Realſchulen ſich verſprechen lajje, welche ſie für Gymnaſien nicht 
haben würden, und erlaube mir zu dem Ende zunächſt ein paar hiſtori- 
ſ<e Bemerkungen. -- Nach Wieſe „das höhere Schulweſen in Preußen“ 
ſeßte die durch Königl. Edict vom 23. Dezember 1788 publizirte In- 
ſtruktion, welche zuerſt für alle von öffentlihen Schulen abgehenden 
Jünglinge die vorherige Prüfung auf der Schule verlangte, u. A. feſt, 
daß dieſelben ein detaillirtes Zeugniß über ihre bei der Prüfung be- 
fundene Reife oder Nichtreife erhalten ſollten. Die Inſtruktion 
vom 25. Juni 1812 beſchränkte jich auf dieſe Unterſcheidung nicht, 
ſondern ordnete an --- und die gewaltige Anſtachelung des Ehrgeizes 
im Nachbarlande in der damaligen Zeit mo<hte wohl nicht ohne Einfluß 
darauf ſein -- daß die Entlaſſungszeugniſſe hinfort in 3 Abſtufungen, 
na< der unbedingten Tüchtigkeit, der bedingten Tüchtigkeit und der 
Untüchtigkeit der Individuen getheilt und zur Andeutung dieſer Grade
	        

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