Full text: Pädagogisches Archiv - 8.1866 (8)

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humane Bildung war noh dur< nichts erſchüttert, weder durc<h die 
Utilitarier und Materialiſten der folgenden Zeit, no< dur< Theologen, 
welche die Tugenden der Griechen und Römer doch nur als glänzende 
Laſter betrachteten. Dadurch erhielten die jungen Philologen eine Ein- 
heit und Solidität in ihrem ganzen Weſen, wie ſie keine andere Diſci- 
plin verleihen zu können j<hien. Es iſt wahr, dies Selbſtgefühl ſteigerte 
ſim oft bis zu einer Mißachtung gegen andere Studien, wel<he den 
Blik einengte und beſchränkte; aber dieſe Einſeitigkeit wurde völlig 
dur< die Mädhtigkeit, wel<e der Glaube einflößt, ausgeglihen. Es 
war dies ſchon den Schülern Wolfs zum Vorwurf gemacht worden, 
daß ſie ſich, ihrem Meiſter nachfolgend, ihrer Wiſſenſchaft überhöben; 
das Gleiche iſt dom auch unter Hermanns, Reiſigs Schülern der Fall 
geweſen. Dies rührt aber zum größten Theil vön der innern Befrie- 
digung her, welche von dieſen Studien ausſtrömt, und wel<e für kein 
Verlangen darüber hinaus Raum läßt. Wer damals von Halle. oder 
Leipzig nah Berlin kam, glaubte ſich wie in eine andere Welt verſeßt: 
dort Alles geſchloſſen, gedrungen, auf Weniges bet<hränkt, hier Alles 
ſim auflöſend, zerfahrend, ins Weite und Viele ſich verlierend: von 
einem Anſaß zu einer Schule keine Ahnung. E8 waren immer nur 
Einzelne, welche in die Nähe der gefeierten Lehrer kamen. . 
Nun kam dazu, daß damals zuerſt die großen neuen Entde&ungen, 
die neuen Tendenzen in der Forſchung, namentlich in der Kritik, an die 
Univerſitäten herandrangen. Das erſte hiſtoriſc<e Colleg von Zumpt 
batte es ſich weſentlich zur Aufgabe geſeßt, mit Niebuhr, deſſen Ge- 
ſchichte faſt 20 Jahre vorher erſchienen war, bekannt zu machen. Wenn 
Reiſig in der lateiniſMen Grammatik des Indiſchen erwähnte, ſo war 
es, als ob er von mythiſchen Dingen ſpräche. Dieſe Elemente, ſo wie. 
Bödhs attiſ<e Forſ<ungen „? Otfried Müllers hiſtoriſch-mythologiſche 
u. dergl. wirkten damals geradezu draſtiſch auf die Jugend. Ein Wort 
von Niebuhr, das von Bonn her zu un3 drang, ging von Mund zu 
Munde. Dies waren glüdli<he Zeiten. Politiſches, namentlich vom 
Auslande her, trübte dies Leben in der Wiſſenſchaft wenig: die Juli- 
revolution ging wenigſtens an Vielen unter uns ganz unbemerkt 
vorüber, Die JInj<hriften-Kämpfe zwiſ<en Boe>h und Hermann, 
die Eumenidenfehde zwiſ<hen Otfried Müller einerſeits und Hermann 
und Frikſche andererſeits lagen uns viel näher; ob die &v parti- 
eula oder die partieula & den Sieg davontragen werde, das 
beſchäftigte uns. So vereinigten ſich dieſe beiden, der überlieferte 
Glaube an die Macht und Bedeutung der Alten und dieſe viel- 
ſeitige Anregung dur die ſeit Kurzem emporgekommenen völlig neuen .
	        

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