Full text: Pädagogisches Archiv - 8.1866 (8)

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Loslöſung aus dem Kreiſe der gebräuchlihen Wendungen, ſo wie die 
Beobachtung der Lautveränderungen, durc< deren ſtetige Eutwikelung 
innerhalb der einzelnen Worte aus dem klaſſiſc<en Latein die Volks- 
dialecte des Mittelalter8 und endlich die romaniſ<en Sprachen geworden 
ſind, wird dazu beitragen, in dem Schüler immer das Gefühl lebendig 
zu erhalten, daß er durc< die Beſchäftigung mit dem Lateiniſchen einen 
für das wiſſenſ<aftliche Erkennen, d. h. für das Leben nothwendigen 
Beſitz erlangt.“ Zum Glü> ſprießt dieſe Frucht wiſſenſchaftliher Er- 
kenntniß auch auf den näheren und geebneteren Wegen, die wir unſere 
Schüler zu führen im Stande ſind, 
Auch dem von den Gumbinnern angeführten Saß, daß der latei- 
niſche Unterricht wegen der im Deutſchen eingebürgerten lateiniſchen 
Ansdrüce für die Realſchule eine Nothwendigkeit ſei, kann ich ein 
erhebliches Gewicht nicht beilegen. Eine Sprache lehren um einzelner 
Ausdrücke, heißt das nicht einen Wald pflanzen um der Erdbeeren 
willen ? Und gilt dieſelbe Rückſicht nicht in demſelben Maße für das 
Griehiſ<e? Sind nicht gar die wiſſenſchaftlihen Ausdrücke in über- 
wiegender Zahl dem letßteren entlehnt ? 
Mit derſelben Fräge muß man dem leßten und ohne Zweifel 
erheblichjlten unter den beigebrachten Gründen für die Erhaltung des 
Lateiniſchen begegnen. Es8 ſoll zur Einführung in das antike Leben 
und Denken dienen, die Brüe bilden vom Neuen zum Alten. Warum 
aber eine Brüce ſchlagen, wenn man ſie nicht auc< überſhreiten, das 
jenſeitige- Land nicht betreten wil? Läßt dies ſich nicht auc< von 
unſerm Ufer aus betrachten ? Und bietet unſer Ufer nicht vielleicht 
günſtigere Punkte zur Fernſicht als die Brü>e ? Die Römer ſind die 
glüFlihſten unter allen Nachahmern der«- Griechen geweſen, aber auf 
dem Gebiete, welhes man do< meint, wenn man von dex Antife 
ſpricht, nur Nachahmer, oft halb moderne Nachahmer. Es ijt das 
Griechenthum, worauf es uns beſonders ankommt, wenn wir von Art 
und Kunſt des Alterthums ſprechen, und wer nicht griehiſc<h verſteht 
vder lernen kann, dem empfehle ich eine deutſc<e Ueberſezung des Homer 
und Sophokles, nicht das lateiniſche Original des Virgil und Seneca, 
wenn er es ahnen und begreifen will. Es erfüllt mi<ß mit lebhafter 
Freude, daß auch von einzelnen Gymnaſien, wie in dem Gutachten des 
hieſigen Friedericianums, auf die aus Ueberſezungen gewonnene Kennts- 
niß des Ülterthums großer Werth gelegt wird. 
| I< fürchte nicht, daß Sie mich mißverſtehen könnten. Bekannt- 
ſhaft mit der alten Geſchichte und Kultur halte i< ſo gut wie irgend 
jemand für ein Requiſit der allgemeinen Bildung; auch fällt es mir
	        

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