Full text: Pädagogisches Archiv - 8.1866 (8)

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nicht ein zu läugnen, daß eine ſolche dur< das Studium des Lateini- 
ſchen vermittelt wird. Aber dieſes iſt vielleicht nicht der beſte, jedenfalls 
nicht der einzige Weg dazu, darum darf ſeine Werthbeſtimmung nicht 
darauf begründet, aus dem Post hoe nicht ein Propter hoe gemacht 
werden. Oder es entſtehen Conſequenzen wie in dem Gutachten von 
Ly>, welches im ſonſt ſo gern wegen ſeiner Sorgfalt »und Gründlichkeit 
preiſen möchte, Die Aufgabe des lateiniſ<en Realſchullehrers ſoll ihm 
zufolge ſein, dem Schüler die Stellung der römiſchen in der Weltlitera- 
tur, die Art, wie ſie ihre griechiſc<en Muſter benußt und dem Mittel- 
alter und der neuen Zeit Beiſpiel und Jmpuls gegeben,- beſtändig vor 
Augen zu führen. So hat er bei der Lectüre des Salluſt die Stellung 
der römiſchen Hiſtoriographie in der Mitte zwiſchen der griechiſchen 
und modernen Geſchichtſ<hreibung anſchaulich zu machen. Als Beiſpiel 
wird die Charakteriſtik des Catilina bei Salluſt in ihrem Berhältniß 
zu der des Alcibiade8 bei Thucydides und des Mirabeau bei Mignet 
angeführt. Bei Virgil ſoll die Interpretation dur<gängig darauf be- 
rechnet ſein, den großen Nachahmer Homers und das große Vorbild 
der ſpäteren Kunſtepen zu zeigen, wie etwa bei dem Schilde des A<ill, 
des Aeneas und des Taſſoſc<en Rinald, oder bei der Dolonie, Niſus 
und Euryalus, und dem 12. Geſange de8 Taſſo. Aehnlich habe man 
von Horaz ſolche Oden zu wählen, welche die Anregung zu modernen 
Schöpfungen gegeben, wie Beatus ille und Quem tu Melpomene 
Semel zu Klopſto>s Kamin und Lehrling der Griechen. Unterlaſſe der 
Lehrer dieſe Arbeit, ſo werde der Dichter dem Schüler immer fremv 
gegenüberſtehn und der Zwe> des Unterrichts in einem Hauptpunkte 
verfehlt werden. 
Eine ſ<öne und erwärmende Aufgabe, -- ſollte ſie nicht aber, 
in jo weit Nie Iberhaunpt erfüllt werden kann, mehr dem deutſchen als 
dem lateiniſchen Lehrer zufallen ? Dem letteren, beſorge ih, möchte 
die Arbeit über den Kopf wachſen, zumal wenn er die Verfolgung der 
lateiniſ<en Wörter und Begriffe auf ihrer Wanderung durch die mo- 
dernen Sprachen nicht ganz in den Wind ſchlagen und die kleine weitere 
Bagatelle deſſelben Gutachtens ad notam nehmen will, wonac< er alle, 
ſage alle practiſchen Verhältniſſe des römiſ<en Lebens, politiſche und 
religivdſe Juſtitutionen, Handelsverhältniſſe, Gerichte, militäriſche Ein- 
richtungen vollſtändig und lebendig zu erläutern hat. Wollte man ein 
Concilium ſämmtlicher Lehrer an Realſ<hulen berufen, ich wette darauf, 
daß ſie einſtimmig dieſe Forderungen als unausführbar verwerfen 
würden, ſo geſchmeichelt ſie ſich auch fühlen müßten, daß man bei ihnen 
einen Umfang und eine Tiefe der ſprachlihen und literariſc<en Gelehr- 
3 .. 
Bem oi - .-
	        

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