Full text: Pädagogisches Archiv - 8.1866 (8)

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ſamkeit, wie ſie an 20 Gymnaſien vielleiht kaum Einer beſitzt, als 
ſelbſtverſtändlih vorausgeſeßt. 
Laſſen Sie uns darum auf die Unterrichts- und Pr.-Ordnung 
zurübgehen und in ihr, wenn auch kein muthloſes, ſo doch beſcheidenes 
Anker werfen. Die eigentlihe Unterricht8- und Pr.-Ordnung enthält 
nichts von einer ſol<hen den Text überwuhernden Ausbeutung des 
lateiniſchen Leſeſtoffs, und auch die Erläuterungen, wo zu dergleichen 
die Verſuchung ſo nahe lag, kehren nach einer kurzen Umſ<au über 
die Stellung des Lateiniſchen zu den andern Disciplinen der Realſchule 
auf die einfache Frage zurü&, in wel<her Weiſe das rein ſprachliche 
Verſtändniß lateiniſcher Scriftſteller am beſten und ſicherſten zu be- 
gründen ſei. Jener einleitenden Bemerkung ſind wenige Zeilen, der 
leßzteren Betrachtung der ganze folgende Abſchnitt gewidmet; kein Wort 
darin über Römertugend, über romaniſche Sprachen, über die Stellung 
der römiſchen in der Weltliteratur ; nichts als einfache Rathjc<läge, 
wie der Schüler dahin zu bringen, lateiniſche Texte im Einzelnen und 
Ganzen zu verſtehen und aufzufaſſeu. Und ſo iſt es. Der lateiniſche 
Unterricht hat den Zwe>, den Schüler zur Lectüre lateiniſch ge)]<rie- 
bener Bücher zu befähigen, ni<ts mehr und nichts weniger. 
Drei moderne Sprachen ſind e8, in welchen heutzutage alle 
Kulturfragen zum Austrage kvmmen, und welche darum auf der Real- 
ſchule gelehrt werden, Deutſch, Franzöſiſch und Engliſm<. Daß diele 
drei eine der intereſſanteſten linguiſtiſchen Gruppen bilden, iſt ein für 
den Unterricht ſehr glüliches Berhältniß, aber nicht beſtinmend gewe- 
ſen bei ihrer Wahl, Zu ihnen geſellt ſich als vierte jedem höher 
Gebildeten unentbehrlihe Kulturſprache das Lateiniſche, welches bis in 
unſer Jahrhundert hinein die allgemeine Sprache der europäiſchen 
Wiſſenſchaft war, in welchem die wichtigſten ältern Werke auf jedem 
Gebiete derſelben abgefaßt ſind, und welches darum auch in den deut- 
ſchen, franzöſiſ<en und engliſchen Schriften über wiſſenſc<haftliche Gegen- 
ſtände jedem Leſer als bekannt vorausgeſeßt wird. Dem Realj<üler, 
welcher in ſeinem einſtigen Berufe eine. tiefere und hiſtoriſc< begründete 
Erkenntniß ſucht, ſollen die dahin einſc<hlagenden Bücher nicht ſiebenfach 
- verſiegelt, die Anführungen und Belege der gelehrter Forſchung nicht 
unzugänglich ſein. Dies iſt kein weitgeſte>tes Ziel für den Unterricht, 
denn moderne Latiniſten bieten wohl ſachliche, aber nicht leicht jprach- 
lihe Schwierigkeiten, und leſen ſich für den Fachkundigen leichter ſelbſt 
als die leichteren lateiniſchen Klaſſiker. Ferner: die modernen Litera- 
turen, und namentlich die deutſc<he, haben ihre poetiſche Technik großen- 
theils der lateiniſchen entlehnt. Einen ſtrengen Begriff aber und ein
	        

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