Full text: Pädagogisches Archiv - 8.1866 (8)

 
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etwas ganz anderes, als es ſelbſtſ<höpferiſc<; nachzubilden. Darum halte 
ich es aber auch auf der andern Seite für ungerechtfertigt, der Klaſſen- 
Lectüre der Realſchule, mit Rückſicht auf das ſonſtige Leiſtung8-Verhältniß 
zum Gymnaſium, ein „Bis hierher und nicht weiter“ zuzurufen. Die 
allgemeinen Prüfungs-Vorſchriften müſſen beſcheiden ſein, aber beim 
Sc<hul-Unterricht rede man dem richtigen und tüchtigen Lehrer nicht von 
eignen Erfahrungen und von Cäſar und Ovid als ſeinem lekten Ziel, 
Die einzelne Sprache ſteht ja auch nicht für ſich da wie ein iſolirter 
Fels in der Ebene, ſondern von andern Höhen führen leiſe Thalſen- 
kungen und hilfreiche Brücken zu ihr hinauf; es kommt beim Verſtänd- 
-niß des Individuellen weſentlich auf die allgemeine ſprachliche Bildung 
des Schülers an, vielleicht mehr als auf die grammatiſchen Regeln, die 
er an den Fingern herzählen kann, und KlopſtoFX und Shakſpeaxe helfen 
ebenſo viel bei der Lectüre de8 Virgil und Horaz, wie Zumpt und 
Meiring. Darum meine ich, wenn ein Lehrer mit dem Tacitus fertig 
zu werden ſich getraut, ſo unterſage man ihm nicht aus Gründen, die 
ihn nichts angehn, den für unſre Zeiten lehrreichſten Schriftſteller des 
römiſchen, vielleicht des geſammten Alterthum8. Au finde ich in den 
mir bekannten Chreſtomathieen für Realſchulen Tacitus reichlich bedacht. 
Ueber die Vertheilung der Unterrichts8zeit zwiſchen grammatiſchen 
Uebungen und Lectüre, und bei der Lectüre zwiſchen Proſaifern und 
Dichtern, haben zwei Gutachten, die von Inſterburg und Ly>, ſehr 
zwedmäßige und beachtens8werthe Zuſammenſtellungen gema<t. I< 
möchte mich in dieſe Frage nicht vertiefen, ſondern ſie lieber meinem - 
geehrten Herrn Correferenten überlaſſen, der bei ihr bereits ſein Geſchi> 
bewährt hat, Nur die zweifelhaſte Frage will ich kurz berühren, ob in 
Prima aller ſyſtematijche grammatiſche Unterricht und alle ſ<riftlichen 
Arbeiten aufhören und jämmtliche 3 Stunden der Lectüre gewidmet 
werden ſollen. Der Inſterburger Berichterſtatter erklärt ſich perſönlich 
dafür und theilt die vielleicht auch ſonſt gemachte Beobachtung mit, daß 
in ſeiner Prima das Intereſſe für den lateiniſ<en Unterricht ſich 
merklich geſteigert habe, ſeit er die ganze Zeit der Lectüre zugewieſen. 
Nichtsdeſtoweniger hat ſeine Lehrer-Conferenz mit 10 gegen 4 und mit 
11 gegen 3 Stimmen ſich für Exercitien, Extemporalien und einen 
periodiſchen grammatij<en Curſus entſchieden. I< ſollte meinen, man 
habe ji; hierbei nag den Umſtänden zu richten. Erweiſen die gram- 
matiichen Kenntniſſe der Schüler ſich unſicher und lückenhaft, ſo wird 
eine Stunde wöcentli< nicht beſſer verwandt werden können, ais zu 
grammatiſ<hen Repetitionen und Exercitien; ſtehn die Dinge gut, 
ſo bleibe man beim Leſen. Hin und wieder, etwa allmonatlich, die 
Pädagog- Urc<iv. Band VIa, (8.) 1866. 39 |
	        

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