Full text: Pädagogisches Archiv - 8.1866 (8)

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Sage entgegentreten werden, uns den Werth wie die Freude an dem 
ſihern Beſiß der Wahrheit zum lebendigen Bewußtſein zu bringen. 
Cs iſt eine eigenthümlic<e Doppelgeſtalt, welche uns hier in der 
ſinnigen Betrachtungsweiſe des griechiſchen Volks begegnet, die des Pro- 
metheus und Epimetheus, und auch ein Jeder unter uns iſt in 
jeinem Geiſt mit dieſem Doppelweſen behaftet. Ja man könnte faſt 
jagen, daß bei der auch ſonſt vorherrſchenden Congenialität unſeres 
Volks mit den Griechen die bei dieſen ſo ausgeprägte epimetheiſche 
Natur beſonders uns Deutſchen eigen iſt. Der Spruch der Väter 
warnt uns Alle: Vorgethan und Nachbeda<ht hat manchen in groß 
Leid gebracht, aber jo wohl wir auch alle dieſe Wahrheit kennen, immer 
wieder ſteht der Nachbedacht, der Epimetheus, da, wenn es zu ſpät 
iſt, und der klügere Bruder Prometheus, der Vorbedacht, will ſich zur 
rechten Zeit nicht bei uns einfinden. So hat derſelbe Characterzug der 
träumigen, duſeligen, unbedac<hten Natur denn auch in der deutſchen 
Schweizerſage dem Tell ſeinen Namen gegeben, wie der Dichter daran 
anknüpfend ihn zum Geßler ſagen läßt: „Verzeiht mir, lieber Herr, aus 
Unbedaht, Nicht aus Verachtung Eurer iſts geſhehn. Wär' ich beſon- 
nen, hieß ich nicht der Tell“. Ja ſchon im Mittelalter wird derſelbe 
deutſ<e Characterzug von Wolfram von Eſchenbach im Parcival 
meiſterhaft gezeichnet. Parcival ſucht und ſehnt ſich nach dem höchſten 
Heil, dem h. Gral. Nach langem Irren iſt er ſhon am Ziel. Zn 
einem herrlihen Scloſſe breiten jim alle Wunder vor ihm aus. Er 
iſt in der Burg des h. Gral angekommen, aber er weiß es nicht, fragt 
auch nicht, daß der Gral vor ihm ſteht, jezt wo er das höchſte Glück 
erreichen, das höchſte Leid wenden kann -- bis alle8 zuleßt wie im 
Traume vor ihm verſchwindet, er in einer traurigen Dede und BVer- 
laſſenbheit zurückbleibt. Er hatte es nicht bedacht, er hatte nach dem 
höchſten Schaßz im Himmel und auf Erden nicht gefragt, bis es zu 
ſpät war, und hatte ihn damit verſcherzt, jo daß er nun erſt nach 
langem Jrren und Kämpfen ihn wieder erreichen konnte. --- Aber auf 
der andern Seite iſt auch die Prometheusnatur deni Menſchen als ein 
beſonderer Vorzug verliehen, voraus zu denken und zu bedenken, was 
zukünftig iſt. Und nicht dieje allein, jondern ganz bejonders ruht auch 
jene Titanennatur, wie ſie allerdings zumeiſt erſt vom Dichter im 
Prometheus ausgeprägt und dann fixirt worden iſt, wenn auh oft nur 
ſ<lummernd in jedes Menichen troßigem Herzen. Bekannt ſind die 
Worte, welche Göthe in jenem Fragment zum kräftigen Ausdru des 
eigenen, auf ſeine productive Kraft und Selbſtändigkeit, ſeine Kunſt 
und jein Wiſjen po<enden Menj<enherzens jeinem Prometheus geliehen
	        

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