Full text: Pädagogisches Archiv - 8.1866 (8)

 
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Göttergeſtalten eine große Freiheit geſtattet, welche in dem Weſen und 
' Character der Feſtfeier ſelbſt hinlänglich begründet war und welche 
dadurc< no< beſtätigt und erhöht wurde, daß auc< der dem Drama 
zu Grunde liegende Stoff zumeiſt nicht aus dem Cultus, ſondern aus 
der vom Cultus längſt ſ<hon los8gelöſten epiſ<en Dichtung entnommen 
war und nach den Jnutentionen des Dichters mit Freiheit, wenn auch 
im Anſchluß an die Ueberlieferung geſtaltet und verwandt wurde, um 
mit dem Verlauf der Handlung, der Zeichnung der Charactere, dem 
Ausdru> der Gefühle und ſelbſt der Fülle des Wiſſens zur Bildung 
und Erziehung des griechiſchen Volks die religiös - ſittlichen, wenn nicht 
gar auch die politiſ<en Gedanken einzukleiden und zur Anſchauung zu 
bringen. Denn die griechiſ<e Bühne war vor Allem eine ſittliche, 
geiſtige und künſtleriſche Bildungsanſtalt der ganzen Nation und nie 
und nirgends jonſt hat das Drama. eine ſol<e Macht und Wirkung, 
einen jolhen Einfluß aus8geübt, wie an ſeiner Geburtsſtätte zu Athen. 
Wir folgen nun dem gewaltigen Dichter Aeſ<hylus, der nicht nur mit dem 
Wort, jondern j<on als Marathonskämpfer und bei Salamis im Hel- 
denkfampf gegen die Uebermacht der griechiſc<en Barbaren auch mit der 
- That gedichtet hat, er möge uns mit ſeiner Prometheiſhen Dichtung 
mitten auf die große Shaubühne der Griechen führen. Südlich von 
der Akropolis am Abhang des Berges, wo wir erſt vor wenigen Jahren 
no<h die Stufen aufgefunden haben, erhob ſich ſpäter aus Stein erbaut, 
das mächtige Dionyſostheater terraſſenförmig mit ſeinen Sitßreihen im 
Halbrund an der Höhe emporſteigend in ſol<her Ausdehnung, daß es 
16,000 Zuſchauer faſſen konnte und außer den Athenern zur Zeit der 
Dionyſosfeſte no< viele Fremde von dem weitverbreiteten Griechenvolk 
verſammelte. Vom frühen Morgen bis zur untergehenden Sonne war 
zur Feſtzeit das Theater gefüllt und der freie Bli> blieb nicht allein 
auf die Bühne gerichtet, ſondern konnte zur einen Seite den größten 
Theil der Stadt mit all den prächtigen Tempeln und Götterbildern 
der vollendetſten Kunſt bis zur Hafenſtadt Piräus hinab, wo das Meer 
in der Ferne mit reichen Schiffen bede>t zu ſehen war, und zur 
andern die ganze weite attiſc<e Ebene überſehen. Die Tragödien wurden 
aber zur Feier des heiligen Dionyſosfeſtes und zu Ehren des Gottes 
aufgeführt und zwar als muſiſche Kampfſpiele. Die Dichter wetteiferten 
unter einander, wer den erſten, zweiten oder dritten Sieges8preis davon 
trug und zwar in der ältern Zeit nicht mit den einzelnen Stücken, 
jondern jeder trat mit einer Trilogie, d. h. mit drei dem Stoffe nach 
in ſich zujammenhängenden Tragödien auf, zu welchen ſchließlih noch 
ein ſogen. Satyrdrama, in welchem die freie Ausgelaſſenheit, der derbe
	        

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