Full text: Pädagogisches Archiv - 8.1866 (8)

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Dieſer Sinn aber kann auf mancherlei Art genährt und geſtärkt 
werden. I< denke an die Erziehung Seitens eines Lehrers, in dem 
der Geiſt der Liebe mit dem der Gerechtigkeit zu einem ſchönen Ganzen 
ſich verbindet, eines Lehrers, der zuglei< das Geſez und die allgemeine 
gleihe Ordnuug wahrt und aufre<ht erhält und die Jndividualität 
achtet und zur Erreihung höherer Zwe>e verwerthet. J< denke, bei 
gereifteren Schülern zumal, an eine weiſe Leitung ihrer privaten Studien, 
wel<he, wenn ſie mit Luſt und Erfolg betrieben werden ſollen, ſich eben 
ſo ſehr der Individualität jedes einzelnen Schülers unterordnen, wie 
mit den allgemeinen Zwe>en und Zielpunkten der Schulbildung in Ein- 
klang gebra<t werden müſſen. J< denke aber au<, daß kaum eine 
andere Diſciplin da iſt, welche dieſen Sinn zu pflegen geeigneter jei 
als die Geſchichte, und daß Geſchichte hintenanſezen oder nicht ver- 
werthen ſo viel heiße als für das Individuelle und die Individualität 
keinen Sinn oder keine Achtung haben. 
Muſtern wir doh die Lehrſtunden in den Klaſſen, um die es ſich 
hier handelt, und ſehen wir do<, was ſie denn zur Nährung und 
Stärkung dieſes Sinnes darbieten. Die zehn lateiniſc<en Stunden 
arbeiten nac< der entgegengeſeßten Richtung hin, dem Allgemeinen zu; 
ſie bilden die Abſtraction, das Arbeiten nac<h der Regel, das Ueberſeten 
nach der Regel: lebhaftere Knaben empfinden bald einen Widerwillen 
gegen dieſe Stunden: erſt in den oberen Klaſſen entſteht Intereſſe und 
Begeiſterung für dieſe alten Sprachen: na<g unten haben ſie keine 
belebende, beſeelende Kraft. Daher iſt e8 viel ſchwerer, tüchtige Lehrer 
dieſes Faches für Sexta und Quinta, als für Quarta und jo weiter 
hinauf zu finden, d. h. Lehrer, welche dieſen harten und ſterilen Stoff 
zu beleben verſtehen. Die deutſ<hen Stunden haben gleichfalls noc< 
zu viel mit Orthographie, mit Saßbildung und anderen Dingen zu 
thun. Schreiben, Rechnen, Zeichnen dienen gleichfalls der 
Seite des Mechaniſ<hen, einer unentbehrlihen ſicheren Technik. Von 
der Religion will ich nicht ſprehen. So wie ſie iſt, dieſe wunder- 
volle Diſciplin, wird ſie zum großen Theil ins Mechaniſche, in geiſt- 
und gedankenloſes Gedächtnißweſen hinabgezogen, und zur Erwedung 
eines Bewußtſeins über die im Jnnern des Knaben wirklich vorhan- 
denen Spuren = mit Beneke zu reden -- des Religiöjen und Sitt- 
lichen wenig benußt. Die Naturbeſc<hreibung, die ich eben de8halb 
ſo werth halte, dient der Anſchauung, aber ſie faßt mehr das Gleiche 
als den Unterſchied ins Auge. I< leugne jedo< nicht, daß ſie, nur 
noFH nicht in den beiden untern Klaſſen, auch 'zu einer ſinnigen 
Betrachtung des Unterſchiedes benußt werden könnte. Dem Sinne für
	        

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