Full text: Pädagogisches Archiv - 8.1866 (8)

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handelt, nicht weil er ſo muß, ſondern weil er jo will. Wie oft 
hören wir das Naturell als Hinderniß anklagen das Gute zu thun ? 
wie oft hört man die Menſchen mit Seufzen klagen, „ich bin eben 
einmal ſo“, womit nichts Anderes bezeichnet werden joll, als das 
Naturell, an welchem ſo oft die beſten Vorſäße ſcheitern. Zum Begriff 
deſſelben gehört alſo nothwendig, daß zu ſeinem Entſtehen der Menj< 
mit ſeinem Willen nichts thue, daß von Natur oder von Außen her 
ſein ganzes Weſen unmittelbar dieſe oder jene Richtung gewonnen habe, 
Die verſchiedenen Individualitäten, welche uns täglich auf- 
ſtoßen, erkennen wir nic<t allein aus dem, was ſie thun und ſprechen, 
ſondern auch daran, wie ſie e8 thun. Daher wird zu dem Begriff 
der Individualität nicht allein die Richtung ihres geiſtigen Weſens, 
ſondern die große Reihe äußerer Erſcheinungen derjelben zu rechnen 
ſein, und ihr Benehmen wird nicht weniger dazu beitragen ſie zu 
erkennen, als der Schluß von ihren Worten und Handlungen auf ihr 
FZnneres. 
Auch hier ſind es wieder nicht die berechneten Mienen und Geſten, 
ſondern die im unbewachten Augenbli> beobachteten, oft die gewöhn- 
lihſten Stellungen, die uns die wichtigſten Aufſchlüſſe geben ; denn mit 
unſichtbarem Band hängen die pſychiſchen Regungen mit ihrem phyſiſchen 
Ausdru>ä zuſammen. 
Haben wir nur von einer einzelnen Jndividualität ein Ulares 
Bild gewonnen, liegt ſie vor uns wie die Spiegelfläche eines See's, jo 
weht oft ein Sturm darüber hin, das klare Bild trübt jih und wir 
erkennen im nächſten Augenblik den Menſ<en niht mehr, dem wir im 
vorigen bis in's Innerſte zu ſehen glaubten. Hatten wir uns getäuſcht ? 
kann eine Individualität ſo ſc<nell ſih ändern ? ih glaube: nein. 
Jener Sturm, der das klare Bild uns getrübt, iſt die Gewalt, welche 
in manchen Augenbliken eine Stimmung gewinnt, ſo daß über 
ihrem Rauſchen der Wellenſchlag der Tiefe nicht mehr gehört wird. 
Nach jedem ſolchen Sturm wird die Fläche ſich wieder glätten und das 
alte Bild wird wieder zum Vorſchein kommen. Wie oft aber enttäuſ<hen 
uns ſol<he bewegte Augenblike und zerſtören für immer das ſchöne 
Bild einer Individualität, die wir lieb gewonnen, wie oft wird da der 
innerſte Grund aufgewühlt, und Sand und Schlamm aus der Tieſe 
emporgeſchleudert, den wir in dem ſpiegelhellen Waſjer nimmer ver- 
mutheten. Oft aber trifft e8 ſi< auch, daß ſol<e vorübergehenden 
Stimmungen und ihre Aeußerung uns einen Menſ<en lieb machen, 
indem mit einmal, wie auf einem matten Grund, ein lichter Farben- 
bliß auftaucht, den wir nie zu ſehen vermutheten. Daher ſind die 
Pädagog. Archiv 1866 Bd. VII). (10), 47
	        

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