Full text: Pädagogisches Archiv - 8.1866 (8)

IV. Pädagogiſche Zeitung. 
A. Chronik der Schulen. 
Nußland, [Lehrermangel, Heranbildung von Gymnaſial- 
Lehrern.] Seit Einführung des neuen Schul - Neglements hat ſich auch in 
Rußland ein Uebelſtand, welcher ſchon ſeit längerer Zeit ſich in Deutſchland 
zeigt, fühlbarer gemacht, der Mangel an Lehrkräften. Dieſer Umſtand iſt um ſo 
auffallender als im Durchſchnitt die Gehalte bei weitem höher ſind, als z. B. in 
Preußen. Ein Oberlehrer der griechiſchen oder latein, Sprache erhält bei ca, 16 
wöchentlichen Stunden etwas über 1000 Rubel, die Lehrer der Geſchichte und 
Geographie bei 22 wöchentlichen Lectionen 1500, die Lehrer der deutſchen oder 
franzöſiſchen Sprache bei 19 wöchentlichen Lectionen je 1320 Rubel u, |, w. 
Denno haben die darauf bezüglichen Anfragen des Unterrichts-Miniſteriums in 
allen Lehrbezirken des Reiches ergeben, daß namentlich Lehrer der alten und 
neuen Sprachen in viel zu geringer Zahl vorhanden ſind. Beſonders im Kaſan- 
ſchen Lehrbezirke wird darüber geklagt, daß ſich keine geborenen Nuſſen mit dem 
Lehren der franz. und deutſchen Sprache befaßten, die Ausländer aber ſelten das 
Ruſſiſche hinreichend verſtänden und meiſt zu wenig pädagogiſches Geſchi> und 
Erfahrung hätten, um ihre Mutterſpra<ße mit Erfolg lehren zu können, In 
Betreff der claſſiſchen Philologen wird eine Berechnung aufgeſtellt, aus der her- 
vorgeht, daß, wenn die jezt obwaltenden Verhältniſſe länger fortdauern, es ſehr 
bald ganz und gar an Lehrern des Lateiniſchen und Griechiſchen fehlen wird, 
Ganz ähnlich ſind die Verhältniſſe in den übrigen Lehrbezirken, 
Man glaubt vun dieſem Mangel abhelfen zu können dur<h Errichtung von 
nicht weniger als 300 pädagogiſchen Stipendien, jedes wenigſtens zu 350 Rubeln 
Silber, Dieſe Stipendien werden gezahlt vom Eintritt in die Univerſität bis 
zur vollſtändigen Vollendung der philologiſc<en und pädagogiſchen Vorbildung 
zum Lehramte, Zur gründlichen Vorbereitung zu ihrer zukünftigen Stellung 
„haben die Stipendiaten außer den betreffenden Univerſitätsvorleſungen no einen 
ſpeciellen Curſus der Pädagogik durc<hzumachen und an ten Uebungen in Semi- 
narien Theil zu nehmen, welche nach deutſcheim Muſter neu errichtet werden. 
Dieſe lebtern Uebungen erſtre>en ſich auf ruſſiſche Sprache und Literatur, beide 
dlaſſiſchen Sprachen, allgemeine und ruſſiſche Geſchichte, Franzöſiſch und Deutſch, 
Mathematik und Phyſik, Naturgeſchichte und Chemie. Die Stipendiaten haben 
ſich in den beiden erſten Studienjahren einen allgemeinen Ueberbli> über ihre 
Wiſſenſchaft zu verſchaffen, jedoch ſchon im zweiten Jahre beſchäftigen ſie ſich 
ſpeciell mit Pädagogik und Didactik, worauf ſie im dritten Jahre in einem 
Seminare einem einzelnen Fache obliegen mit praktiſchen Uebungen wie in den 
entſprechenden Anſtalten in Deutſchland. Nach Vollendung dieſer Univerſitäts- 
ſtudien werden ſie dann zum Behufe von Abhaltung eines Probejahres an ver- 
ſchiedene Gymnaſien vertheilt und ſind dann verpflichtet 6 Jahre lang im Reſſort 
des Unterrichtsminiſteriums zu dienen, (Nach dem Journal des Miniſters der 
Volksaufflärung. Inni 1865.) * 
Reval, Dr, H, Ebeling,
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.