Full text: Pädagogisches Archiv - 22.1880 (22)

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Verwunderung erregen, als e8 do<h auc< den praktiſchen Aerzten nicht 
ganz aus dem Gedächtniß entſ<mwunden ſein kann, daß es vielen unter 
ihnen nicht in demſelben Maße gelang, den Anforderungen ihres 
mathematiſchen Lehrer38 und auf der Univerſität denen des Profeſſors 
der Phyſiologie gerecht zu werden, wie denen der Philologen des Gym- 
naſium8.*) Ueber dieſen WiderſpruHh aber half man ſich und hilft 
man ſim vielfaH noh jezt mit dem Dogma hinweg, das von den 
Gymnaſien jeht allmählich zu weichen beginnt, früher aber in vollſter 
Blüthe ſtand: zur Mathematik gehöre eine ſpezifiſc<e Begabung, wie 
zu einer Kunſt ein angeborene38 Talent, ohne das man dieſe Wiſſen- 
ſhaft überhaupt nicht begreifen könne. Die anderen Disciplinen aber 
find theils, wie das Franzöſiſche und die Geſchichte, den alten Sprachen 
verwandter, theils werden ſie, wie inSbeſondere die Naturwiſſenſchaften 
durch eine beſſere erſet werden müſſe, = ſo liegt wohl der Shluß nahe, daß 
die meiſten Gutachten der praktiſ<en Aerzte in einem den Realſchulen ungün- 
ſtigen Sinne abgefaßt, de8halb aber auc< nur mit Vorſicht aufzunehmen ſein 
werden“. Wir wollen indeß nicht verſchweigen, daß die Verfaſſer, erſt nahdem 
ſie, wie ſie ſelbſt hervorheben, das Nealſchulabiturienten-ECxamen beſtanden, auch 
das Gymnaſium abſolvirt haben, um zum mediciniſchen Studium überzugehen. 
Wenn ſie gerade darum ſich in „der Lage zu befinden glauben, über die Vor- 
züge und Mängel der einen und der anderen Weiſe der Vorbildung für ihr Fach- 
ſtudium aus eigener Erfahrung zu urtheilen", ſo können wir ihnen nur Recht 
geben. Aber nachdem wir bereit3 im Eingange der in den Aerzte-Gutachten 
uns wiederholt begegnenden Pietät gegen die Anſtalt, der man ſeine Scul- 
bildung verdankt, unſeren Zoll dargebracht, ohne ſie doM al3 maßgebend für die 
Entſc<eidung der ſ<webenden Frage anſehen: zu können, glauben wir auf eine 
weitere Wiedergabe des Jnhaltes des eben genannten ſympathiſ<en Gutachtens 
verzichten zu ſollen, wie günſtig für uns und maßvoll zugleich daſſelbe auh ge- 
balten iſt. Von den viel härteren Urtheilen dur<h das Gymnaſium vorgebildeter 
Aerzte und mediciniſc<er Autoritäten über die Schwäche und Selbſtſu<t der 
Motive, von denen ſich manche Aerzte bei ihren Gutachten hätten leiten laſen, 
könnten wir aus ſchriftlihen und mündlichen Mittheilungen außer den bereits 
oben Seite 92 in der Anmerk, citirten noch zahlreiche Proben geben, ziehen e3 
aber vor, dieſe empfindliche Stelle niht mehr zu berühren. 
*) Fi> (Pädag. Archiv 1878, pg. 642) ſagt über dieſen Puntt: „Man muß 
immer wieder hören: „Auf dem humaniſtiſchen Gymnaſium wird ja Mathematik 
gelehrt, alſo bietet e8 auc< für Naturforſcher, reſp. Mediciner, die geeignete 
Vorbildung. Das können aber nur die ſagen, wel<he vom Weſen der mathe- 
matiſchen Schulung de38 Geiſtes und von dem, was ſie eigentli<h dem Medizciner 
eiten dt, Feinen Vegriff haben =- und leider haben dieſe bei weitem die Mehr- 
heit in den maßgebenden Kreiſen Deutſ<land8, die über dieſe Frage zu ent- 
ſcheiden haben werden.“
	        

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