Full text: Pädagogisches Archiv - 22.1880 (22)

 
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die umfaſſendſte Gelehrſamkeit, die weitgehendſte allgemeine Bildung 
können Mangel an Berufsbildung nicht erſezen und ihn event. gegen 
Mißachtung nicht ſjhüßen. Alle Maßregeln, die, ohne die allgemeine 
Bildung zu vernachläſſigen, den ſpäteren Mediciner befähigen, ein tüch- 
tiger Arzt zu werden, ſind nicht Shädigungen der Standez3ehre, ſondern 
umgekehrt geeignet, dieſelbe zu erhöhen. Eine Steigerung der Leiſtungs- 
fähigkeit aber kann mit der Zulaſſung der Realſchulabiturienten zum 
mediciniſhen Studium dur<haus erwartet werden. Denn Niemand be- 
ſtreitet, daß der Schüler des Gymnaſiums, der ſich neun Jahre ſeines 
Lebens vorzugs8weiſe mit ſprachlihen Studien beſchäftigt hat, zum 
Studium der Philologie beſſer vorbereitet ſei, al8 zu dem d er Medicin. 
Wie ſollte der Realſchüler, der ſeine Zeit in weit ſtärkerem Maße 
den Naturwiſſenſ<haften gewidmet, niht dem überwiegend philologiſch 
gebildeten Commilitonen beim Studium der Medicin überlegen ſein ? 
Profeſſor Richter hegte darüber ſhon vor Jahrzehnten nicht den ge- 
ringſten Zweifel; Profeſſor Hueter ſagt, er ſei überzeugt, „daß, wenn 
die Mehrzahl der Aerzte der Mahnung einer energiſchen Fortbildung 
ihrer ſelbſt im Sinne der Naturforſchung und mit den reichen Mitteln 
der Naturwiſſenſ<haften Gehör geben würde, auc< hier ſi< der Saß 
bewähren müßte, daß Wiſſen Macht iſt. Der Arzt würde mit dem 
Mehr von Wiſſen ein Mehr von Können erhalten; er würde nebenbei 
no<h den Vortheil genießen, daß das Mehr von naturwiſſenſ<haftlihem 
Wiſſen innerhalb ſeines Wirkungskreiſes ihm eine höhere ſociale Stel- 
lung verſchaffen müßte, während jeßt vielfach über das niedrige Niveau 
dieſer Stellung Klage geführt wird. Der Arzt müſſe eben innerhalb 
ſeines Kreiſes als vollbeglaubigter Vertreter der Naturwiſſenſchaften 
den Laien gegenüberſtehen." *) Das iſt es, was man nächſt der 
mediciniſh<hen Tüchtigkeit in erſter Linie von einem Arzte fordert und 
fordern kann, nicht einige auf der Schule auswendig gelernte Citate 
*) Wie die Zeit längſt vorüber iſt, wo die Chemie eine Domäne der Aerzte 
war, jo wird auc< der Fall immer ſeltener, daß aus den ärztlichen Kreiſen her- 
vorragende Botaniker oder Zoologen hervorgehen. Nicht der Arzt, ſondern vielfach 
der Apotheker iſt heut die Zuflucht derjenigen, welche in einer Gymnaſialſtadt 
der Provinz Auskunft über naturwiſſenſchaftlihe Gegenſtände wünſchen : der beſte 
Beweis, wie ſehr dieſe Seite der ärztlichen Autorität, die do< au< einen Theil 
der Standesehre ausmacht, in der Schäzung des Publikums eingebüßt hat. 
Der Juriſt oder Theologe weiß recht gut, daß der Arzt von den Naturobjecten 
und Naturerſcheinungen heut zu Tage nicht viel mehr weiß als er ſelber, als 
Autorität alſo jedenfalls nur in ſehr ſeltenen Fällen gelten kann. 

	        

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