Full text: Pädagogisches Archiv - 22.1880 (22)

-- 132 = 
kennen zu lernen“. Der von Meyer wie auch von Anderen ſchon aus- 
geſprohene Vorwurf, daß die früheren Nealſchüler ſim auf ihre Kennt- 
niſſe in den Naturwiſſenſhaften etwas einbildeten, überhaupt zum 
Dünkel geneigt wären, iſt uns =- wir legen auch bezügli< der Vor- 
bildung zu einem Berufsſtudium großen Werth auf das ſokratiſhe 
Bewußtſein : „I< weiß, daß ich nichts weiß" -- immer unerklärlich 
geweſen. Denn nichts iſt doF für den Univerſität3profeſſor, der auf 
der Höhe ſeiner Wiſſenſchaft ſteht, leichter, als ſeinem Zuhörer, ſobald 
ſic< dazu Gelegenheit bietet, und dem Profeſſor der Chemie drängt ſie 
ſich ja auf, zu Gemüthe zu führen, wenn nöthig, in eindringlichſter 
Weiſe, daß er troß ſeiner vielleicht recht hübſchen Schulkenntniſſe noch 
ein Ignorant ſei, der kaum die Vorhallen der Wiſſenſchaft betreten 
habe. Wenn es unter den Realſchulabiturienten Leute geben ſollte, 
denen das nicht ſhon auf der Schule genügend zum Bewußtſein ge- 
bracht worden iſt, ſo daß ſie eine Zurechtweiſung ſeitens des Pro- 
feſſor8 verdienen, ſo dürfen wir doch zu ihrer Entſchuldigung den einen 
Umſtand niht unerwähnt laſſen, den Meyer ſelber unabſichtlich) zu 
ihren Gunſten anführt mit den Worten: „Neben dem Mediciner, der 
no< ſo gut wie nicht8 von Chemie und verwandten Dingen gehört 
hat, ſibt da der Chemiker, der auf der Realſchule Jahre hindurch in 
dieſer Wiſſenſchaft theoretiſ< und praktiſ<; unterwieſen wurde. Der 
Profeſſor der Chemie hat die unerfüllbare Aufgabe, beiden gerecht zu 
werden. Er ſoll den einen Theil der Zuhörer in die Anfänge ſeiner 
Disciplin gründlic und ſicher einführen ; er ſoll aber zugleih dem 
anderen Theile eine möglichſt vollſtändige Ueberſicht über das ganze 
Gebiet der Wiſſenſchaft geben und die Lücken ausfüllen, welche der 
Schulunterricht gelaſſen hat. Sein Vortrag läuft ſtets Gefahr den 
Einen unverſtändlich, den Anderen langweilig zu werden, und iſt viel- 
leicht nicht ſelten beides zugleich.“ So ſteht es alſo, und dann wun- 
vert man ſich, daß frühere Realſchüler manchem Docenten einen bla- 
ſirten Eindru> gemacht haben. Man ſtelle nur gefälligſt folgenden 
Vergleich an. Ein Profeſſor der klaſſiſhen Philologie wollte in jeinem 
Colleg über griehiſ<e Grammatik aus Rüdſicht auf diejenigen ſeiner 
Zuhörer (frühere Realſchüler), die kein Grie<ijſ< gelernt, ni<ts voraus- 
ſezen und finge damit an, die Paradigmen der erſten Declination, 
oder wohl gar die griehiſchen Lautzeihen vorzutragen, da er auh die 
Kenntniß dieſer nicht mit Sicherheit glaubt vorausſeßen zu dürfen. 
Würden die früheren Gymnaſiaſten ihm nicht ins Geſicht gähnen und
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.