Full text: Pädagogisches Archiv - 22.1880 (22)

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Daß das geiſtige Wohl und Wehe des Staate3 dur< die Zulaſ- 
ſung der Realſ<hulbildung zum ärztlichen Beruf gefährdet ſei, iſt eine 
ſo fühne Behauptung, daß wir den Beweis für ihre Richtigkeit, den 
unſere Gegner nicht einmal verſucht haben, abwarten können. Auf 
Du Boi38-Reymond, der mit dem Schlagworte „der Amerikaniſirung 
unſerer Cultur“ allerdings ein drohendes ShreFgeſpenſt gezeichnet hat 
und auch geneigt ſchien, es gegen die Realſ<hulbildung in's Feld zu 
führen, können ſie ſich niht mehr berufen, ſeit dieſer die Zulaſſung 
wenigſtens als nothwendiges Uebel gelten laſſen wil. Wäre aber 
wirklih das geiſtige Wohl und Wehe des Staates dabei irgend be- 
theiligt, daß der Realſ<hulbildung der Zugang zum mediciniſchen Stu- 
dium eröffnet wird, ſo ſtünde, wie wir gezeigt haben, nur ein Uebel 
einem anderen gegenüber, und man hätte ſich für das kleinere zu ent- 
ſcheiden. Es iſt aber das Ergebniß aller Unterſuchungen, die wir in 
der Zulaſſungsfrage hier anſtellen, daß wohl von dem einen Uebel, 
der allmähligen Verſ<lechterung der ärztlichen Beruf s8bildung und 
der Verminderung der Zahl der Aerzte unter die unbedingt erforder: 
liche Zahl, aber niht von dem Herabſinken des allgemeinen geiſtigen 
Niveaus unſeres Aerzteſtandes oder gar unſerer ganzen Cultur ernſt- 
li< die Rede ſein kann. Zugegeben, daß dur< die Zulaſſung der 
Realſchulabiturienten zum ärztlichen Berufe die Zahl der ſogenannten 
kaſſiſ< Gebildeten in der bi8herigen Bedeutung de8 Wortes vermin«- 
dert wird, zugegeben auch, daß dur< den Eintritt einer größeren An- 
zahl von ſolchen, die früher niemals etwas Griechiſc< gekonnt haben, 
in gewiſſen Geſellſhaftskreiſen, wohl auch in amtlichen Collegien eine 
kleine Lüke in der Unterhaltung ſic< wenigſtens gelegentlich kund thun (?), 
ein gewiſſer Umſ<wung in den Unterhaltungsſtoffen eintreten wird, 
So dürfte z. B. das Intereſſe für ernſtere Gegenſtände dex modernen 
Cultur, auh für ſolhe, bei denen es ſih ni<t um das „Mein und 
Dein“ handelt, mehr als bisher in den Vordergrund des Geſpräches 
ſtudium“ bezeichnen, deren Erfüllung aber ſ|<werli< die Beſeitigung der dem 
Volkswohl angeblich drohenden Gefahr verbürgt. Daß das leibliche Wohl und 
und Wehe der Staat3bürger durch vie Berufsthätigkeit einer genügenden Anzahl 
ebenſo wiſſenſc<haftlic< durc<gebildeter wie praktiſch tüchtiger Aerzte und Medicinal 
beamten weſentlich bedingt iſt, bedarf hier, zumal der Aerztewelt gegenüber, 
wohl keines Beweiſes. Wie wichtig die Realſ<hulbildung für den Medicinal: 
beamten und die mediciniſ<e Statiſtik iſt, deren Bedeutung für die öffentliche 
Geſundheitspflege immer mehr erkannt wird, hat u. a. auc< Fil hervorgehoben,
	        

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