Full text: Pädagogisches Archiv - 22.1880 (22)

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Daraus folgt ferner, daß alle Regeln der Grammatik und Stiliſtik, 
welche dazu dienen, dem, der Latein ſoll ſchreiben lernen, eine möglichſt 
hohe Gewandtheit in e<ht lateiniſchem AusdruF& und e<ht lateiniſcher 
Wortfügung zu verſchaffen, vom ſyſtematiſ<hen Einlernen und 
Einüben auszuſhließen ſind. 
Der Umfang alſo des grammatiſchen Wiſſen3 iſt zu beſchränken, 
Gründlichkeit und Sicherheit deſſelben um keinen Preis. 
Wo das geſchieht, wird die Erreihung des den Realſchulen geſteäten 
Zieles unmöglich gemacht. Statt ſicherer Ueberſezungsfertigkeit, die 
in den oberſten Klaſſen erreicht ſein ſoll, findet man in dieſem Falle 
jene verderblihe Natherei, die alle Augenbli> zur Nathloſigkeit wird, 
die Verlotterung de3 Denkens und den Ruin der Wahrheitöliebe und 
des Fleißes mit ſich führt, die Schüler mit abſoluter Nothwendigtkeit 
dazu treibt, zu Ueberſezungen und ähnlichen „freundlichen“ Hülfs- 
mitteln zu greifen. Muß, ſo möchte ic ſagen, ver Gymnaſiaſt die 
Grammatik und Stiliſtik in ſolhem Umfange beherrſ<<en, 
daß ihm beim Ueberſ<hauen einer deutſ<hen Periode nicht 
zweifelhaft iſt, unter wel<he Regeln er die vorliegenden 
Specialfälle zu ſubſumiren habe, um an die Stelle e<t 
deutſchen Aus8dru>3 echt lateiniſchen zu ſehen, ſo mußder 
Realſchüler Grammatik und Stiliſtik ſoweit beherrſchen, 
daß ihm dieſelbe Operation beim Ueberſ<hauen einer la- 
teiniſhen Periode aus einem der ſeine Lectüre bildenden 
Schriftſteller ebenſo gut gelingt, damit er an Stelle des 
eht lateiniſhen Au8dru> e<t deutſchen ſeßen kann. Das 
iſt für beide nicht ohne gründliches, ſicheres, ſtet3 präſente3 Wiſſen des 
dazu nothwendigen grammatiſchen Lehrſtofſs8 möglich. 
Wie wäre, das iſt die weitere Frage, nach diejen Geſicht8punkten 
der Stoff auf die einzelnen Klaſſen zu vertheilen ? Den Unterklaſſen 
fällt Aneignung und Einübung der Elementargrammatik zu: VI: regel- 
mäßige Formenlehre. V: Repetition derſelben und Nachholung des 
Unregelmäßigen, vann ace. c. inf,, abl. abs., Wortſtellung im ein- 
fachen Saß u. a. IV: Caſuslehre, Üb: Tempus8- und ModuSslehre. 
Bei 8 (reſp. 9), 7 (reſp. 8--9) und zweimal 6 Stunden iſt die ſichere 
Aneignung der Grammatik etwa in dem Umfange, wie Ferd. Schulz 
in ſeinem kleineren Lehrbuch ſie bietet, ſehr wohl möglih. In I1V und 
DIb wären von den 6 Stunden 3 der Grammatik (mit den ſ<rift- 
lihen Uebungen) zuzuweiſen.
	        

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