Full text: Pädagogisches Archiv - 22.1880 (22)

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„daß wer für die Realſchulen nicht entweder mehr Latein oder den 
Wegfall deſſelben fordert, an Einſicht und Erfahrung arm ſein muß.“ 
In dem ſoeben erſ<ienenen vierten Hefte des Pädag. Arc<hivs endlich 
hat der Nealſ<huldirector Henke folgenden, wie mir ſcheint, nach beiden 
Seiten hin ſehr treffenden Grundſatz aufgeſtellt (S. 274): „Es muß, 
wenn einmal Latein gelernt wird, au<& etwas ordentliches und tüch- 
tiges gelernt werden, es muß am Shluß ein Maß von Wiſſen und 
Können gefordert werden, das für die Erziehung durch dieſen Unter- 
richt und für den ſpäteren Betrieb wiſſenſ<haftliher Studien von wirk- 
lihem Werth und maßgebenden Einfluß iſt, do<, und das iſt die Be- 
ſ<ränkung, welche unter allen Umſtänden feſtgehalten werden muß, iſt 
dieſes Maß ſo zu beſtimmen, daß das Weſen der Realſ<hule als ſolcher 
nicht darunter leidet.“ Dem Vernehmen nach beabſichtigt ja auh die 
preußiſ<he Unterriht3verwaltung die Stundenzahl für das Lateiniſche 
auf den Realſchulen zu vermehren. Da indeſſen Über die dann vor- 
zunehmende Vertheilung des übrigen Unterrichtsſtoff8 ein definitiver 
Beſchluß no< nicht gefaßt ſein ſoll und da auch auf der diesSjährigen 
Delegirtenverſammlung des deutſchen Realſchulmännervereins die An- 
ſichten über dieſe Frage noF weit auseinander gingen, jo wird eine 
weitere Meinungsäußerung, die ſich zwar nicht auf unmittelbare Er- 
fahrungen an der Realſchule, aber doM auf langjährige Erwägungen 
über den geſammten lateiniſchen Unterricht und auf eine verj<ieden- 
artige praktiſh<e Thätigkeit im Schulweſen zu ſtüßen vermag, vielleicht 
für nicht ganz nußlos era<tet werden. 
Unverkennbar ſteht die gegenwärtig beſonders lebhafte Erörterung 
der „Lateinfrage“ im engſten Zuſammenhang mit der anderen bren- 
nenden Frage, der nach der Zulaſſung der Realſ<ulabiturien- 
ten zu den Univerſitäts8-Studien und nachfolgenden 
Staat3-Prüfungen, in8 Beſondere zu den mediciniſchen. 
Eine getrennte prinzipielle Löſung beider iſt ja auc< unmöglich und 
wer von der erſteren reden will, kann nicht umhin, auch zu der leßteren 
Stellung zu nehmen. 
I<h muß bekennen, daß i<m lange an der Hoffnung feſtgehalten 
babe, es werde möglich ſein, eine ſogenannte Einheitsſ<ule herzuſtellen, 
durc< wel<he die Vorbildung zu allen höheren Berufsarten gewährt 
werden könne. Aber mehr und mehr drängte ſich mir doch die Ueber- 
zeugung auf, daß mit jedem auch no< ſo geſ<iädt aus8ge- 
dachten Lehrplane einer ſol<hen Anſtalt eine Ueberbür-
	        

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