Full text: Pädagogisches Archiv - 22.1880 (22)

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und Broſchüren zur Genüge dargethan. Eine Beſeitigung dieſer Ver- 
fehrtheit der Methode würde indeſſen wohl ſchwerlich ausreichen, um jene 
vielfaM hervorgetretene Arbeit3unluſt zu verdrängen. Das dur< den 
Gang unſerer Culturentwi>elung allmählich in derSchule 
herbeigeführte Uebermaß der Anforderungen erſtiät die 
freie Entfaltung individueller Anlagen und die damit 
verbundene Freudigkeit des Strebens. „Wie innerhalb des 
einzelnen Faches“, ſagt Prov.-Schulrath Kr uſe (a. a. O. S. 220), „ſo 
wird au< in der Geſammtbildung die freie Bewegung und die ſorg- 
loſe Hingabe auf Schritt und Tritt gehemmt. Mit einer gewiſſen 
Eiferſucht nimmt jeder Lehrer die häuslihe Arbeitskraft der Schüler 
für ſein Fach tagtägliHh in Anſpruch und das auf einem anderen Ge- 
biete bethätigte Intereſſe ſehen viele als einen ihnen widerfahrenen 
Abbru< an. Bei ſol<hem gleihmäßigen Nebeneinander wird vielleicht 
eine größere Totalſumme poſitiver Kenntniſſe erreicht, aber hervor- 
ragende Leiſtungen im Einzelnen werden ſeltener. Shablonenhafte 
Mittelmäßigkeit, welche den For derungen des Reglements 
genügt, iſt reichlich vorhanden; freie Entfaltung geiſtiger 
Individualität wird vielfa< vermißt.“ Wie überaus günſtig 
auf der anderen Seite eine geringere Zahl der Lehrſtunden und ein 
niedrigeres Maß der häuslichen Arbeit8zeit auf die ganze geiſtige Ent- 
widelung des Schülers, auf die Intenſität ſeine8 Denkens, auf die 
Urſprünglichkeit und Friſche ſeines ganzen Weſens einwirkt, das zu 
beobachten habe im an meiner hieſigen dur< die gewöhnlichen Scul- 
normen nicht beengten Unterricht8- und Erziehungs-Anſtalt täglich Ge- 
legenheit, Der Quintaner, der ausnahmslos8 von 11 bis 1 Uhr 
Vormittags und nac< Tiſch wieder, auch an den 4 Schulnachmittagen, 
bi3 3 Uhr, zuleßt noh einmal wieder von 5 bi8 2/26 oder 6 Uhr 
Freizeit hat und für die häuslihen Schularbeiten am Abend nur etwa 
eine Stunde bedarf, alle übrige Zeit aber ſich möglichſt viel im Freien 
herumtummelt, wird dadurch nicht nur körperlich gekräftigt, ſondern 
auch geiſtig in ſo auffallender Weiſe munter und regſam erhalten, daß 
er an Intenſität der Arbeit reihlih wieder einbringt, was ihm an 
Extenſität abgeht. Faſt no< wichtiger aber iſt, daß auf dieſem Wege 
bei einer nur einigermaßen verſtändigen Leitung in einem ganz andern 
Grade als bei den üblihen Shuleinrichtungen ſelbſtſtändige Ar- 
beitsluſt und ein der individuellen Naturanlage ent- 
ſprechendes geiſtiges Intereſſe gewe>t wird. Es iſt das ja
	        

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