Full text: Pädagogisches Archiv - 22.1880 (22)

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Geſeß bereits einen Shuß gegen übermäßige Arbeit3dauer geſchaffen, 
aber die Kinder unſerer geiſtigen Ariſtokratie ſhüßt kein Geſe vor 
Ueberanſtrengung, =- ja niht einmal der Vater, wenn er nicht ſehr 
reich) iſt, vermag ſein Kind davor zu ſhüßen. Nicht genug, daß man 
die relativ glülic<ſte Zeit dieſes jämmerlihen Lebens, das Eden der 
Kindheit, den Kindern unſrer Gebildeten ſcrupellos raubt und die 
Frijme ihres kindlichen Geiſtes ſowie die hö<ſte Freude de3 
Menſc<en, die Luſt am Lernen, unwiederbringlic zerſtört, 
man legt aum den Keim des Siechthums in ihre Leiber, den ſie als 
Unterleib8- oder Nervenkrankheit ihr Leben hindurc<hſchleppen müſſen, 
um ihn dann auf Kind und Kindeskinder zu vererben." 
Uebelſtände ſolher Art zeigen ſih in höherem oder niederem 
Grade ſhon bei den Anforderungen, welche ſeither an die Vorbildung 
zur Univerſität geſtellt wurden. Wie aber, wenn von Seiten 
der mediciniſ<en Fakultäten oder von berufenen Stimm- 
führern derſelben eine Steigerung derſelben für unab- 
weisbar erklärt wird? Das Gymnaſium, das im Griechiſchen 
die ſhon jeht in Bezug auf die Vertrautheit mit den Autoren ſehr 
mäßigen Anſprüche unmögli< noh herabſeßen kann, ohne den Werth 
des ganzen griechiſ<en Unterrichts ernſilih in Frage zu ſtellen, iſt 
völlig außer Stande, ſelbſt nac< der unzweifelhaft nothwendigen Durch- 
fügrung von 4 Stunden Mathematik und 2 Stunden Naturgeſchichte 
dur< ſämmtliche Klaſſen das hohe Maß von mathematiſcher Shulung 
zu gewähren, welches von Seiten hervorragender Vertreter der medi- 
ciniſ<en Wiſſenſchaft als unbedingt erforderlich bezeichnet wird. Aus 
der umfangreichen Litteratur über dieſe Frage führe ich nur eine be- 
jonder3 prägnante, mit andern ſehr beachten3werthen Kundgebungen 
im Znhalte übereinſtimmende Anſichtsäußerung des Phyſiologen Prof. 
Dr. Fi>d in Würzburg an, welche er in einem Aufſaße ausführlich 
begründet hat. *) Er ſtellt die Frage: „Eignet ſich für das mediciniſche 
Studium mehr die auf der Realſchule oder die auf dem humaniſtiſchen 
Gymnaſium zu erwerbende Vorbildung?" und ſagt dann (S. 642): 
„Die Antwort liegt für jeden Unbefangenen ſo klar auf der Hand, 
daß man geradezu erſtaunen müßte, daß noc< irgend eine Meinungs- 
verſchiedenheit exiſtirt, wenn man nicht wüßte, mit welcher ledernen 
*) Fid, „Ueber die Vorbildung des Arztes", aus der deutſchen 
Zeitſchrift für praktiſche Medicin, abgedru>t im Pädag. Archiv 1878, S. 641 fg.
	        

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