Full text: Pädagogisches Archiv - 22.1880 (22)

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reiche zu uns emporſteigt, Wohl aber wird es nöthig ſein ein Wort 
darüber zu jagen, wie in dem ſhon ſo überladenen Lehrplan der Neal- 
ſhule für dieſe neue Disciplin eine Stelle zu finden ſei. J< bin der 
Meinung, daß die reichlichen Stunden des deutſchen Unterrichts in den 
oberen Klaſſen und zum Theil auch in den unteren dazu vollſtändig 
Raum gewähren und würde es gradezu als einen Gewinn betrachten, 
wenn dur< die Einführung ſolcher einer gründli<en Erklärung bedürf* 
tigen deutſchen Litteraturwerke -- denn mit dieſem Namen darf man 
wirkli< klaſſiſche Ueberſetzungen bezeihnen -- jene unglückliche Behand- 
lung des deutſchen Unterrichts zurückgedrängt würde, bei der das Ge- 
nießen von Schiller und Göthe dem deutſhen Jüngling ſc<hulmäßig 
beigebracht werden ſoll. Oder iſt es oft nicht ſo, daß der Lehrer mit 
ſeiner äſthetiſchen Exegeſe dem Schüler grade wie nach Erdmanns Aus- 
dru> Bädeker dem Touriſten mit den Doppelſternen und einfachen 
Sternen angiebt, „wo er ſich ſehr zu freuen oder nur zu freuen habe“? 
„Niht8 hat wohl mehr", ſagt Hillebrand*), „zum graſſirenden + 
Vebel der Halbbildung, über das ſoviel und mit ſoviel Grund geklagt 
wird, beigetragen, als die Einführung dieſer Disciplin, vornehmlich 
allerdings in den Mädchenunterricht, der ganz auf Sheinbildung hinaus- 
zugehen pflegt, dom auc< mehr als gut iſt in den der Knaben. Denn 
nichts iſt mehr dazu angethan, die Leute von der Kenntnißnahme der 
Litteraturwerke abzuhalten, als das Lehren über dieſelbe. Ein Jüng- 
ling, der eine Analyſe des „Fauſt“ und gewöhnlich auch ein fertiges 
Urtheil darüber aus der Shule mitbringt, wird der Leßkte ſein, der 
das Gedicht ſelbſt lieſt.“ Meinerſeit38 kann ich es als eine ganz be- 
ſtimmte Erfahrung aus meinem Leben berichten, daß eine Ahnung von 
dem, was Poeſie ſei, ich möchte ſagen blitzartig mir aufging, als mir 
eines Tages zu Hauſe das in die Sc<hul-Leſebücher meiſt nicht aufge- 
nommene und in Folge deſſen auc< vielfach unbekannte und doh ſo 
großartige Gedi<t Göthe'8 „An Schwager Kronos" in der für mein 
Taſchengeld gekauften Schaefer'ſ<hen Sammlung Göthe'ſher Gedichte 
in einer ſtillen Mußeſtunde zum erſten Mal vor Augen trat. „Weit, 
ho<, herrlih der Blid Nings ins Leben hinein! Vom Gebirg zu 
Gebirg Schwebet der ewige Geiſt, Ewigen Lebens ahndevoll." Z< bin 
feſt überzeugt, hätte ich dieſe Worte in der Schule geleſen und dabei 
*) Hillebrand, Halbbildung und Gymnaſialreform in der Deutſ<hen Rund- 
ſ<au V, S. 445. |
	        

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