Full text: Pädagogisches Archiv - 22.1880 (22)

-- 485 == 
geben, ſo kann das eben nur daran liegen, daß auf dem einen der 
beiden Hauptgebiete des Unterrichts und zwar auf dem für die Knaben- 
jahre wichtigeren die Realſchule ni<t „ſtudiren lehrt," Denn ſehr 
richtig ſagt Jäger (a. a. O.): „Studiren lernen heißt nicht bloß 
Kenntniſſe receptiv erwerben, fondern einen Wiſſensſtoff mit 
ſelbſtſtändiger Geiſtesarbeit na< allen ſeinen Seiten 
betrachten, ihn handhabenlernen, inihmheimiſ< werden.“ 
Es leuchtet ein, daß ein ſol<e8 Heimiſchwerden unmöglic< iſt, wenn 
unter den drei fremden Sprachen der Realſchule keine mit entſcheiden- 
dem Nahdru> als Hauptſprac<e behandelt wird. Kaum hat der Schüler 
ſim in Sexta im Lateiniſ<en die allererſten Elemente angeeignet, ſo 
tritt in Quinta ſchon eine zweite fremde Sprache an ihn heran. Dieſe 
Verkehrtheit theilt die Realſ<hule allerdings mit dem Gymnaſium, aber 
ſie fällt an der erſteren bei der geringeren Stundenzahl des Lateiniſchen 
und der größeren des Franzöſiſ<en noh weit mehr ins Gewicht. Das 
ruhige und ſichere Einleben in die Sprache, alſo die überaus werth- 
volle Unterſtüzung des bewußten Lernens dure eine 
nebenhergehende au8gedehnte unbewußte Aneignung wird 
dadurch völlig vereitelt. Die Schädlichkeit dieſer Einrichtung iſt noh 
fürzlih auß von Shrader ſo entſchieden betont worden*), daß es 
überflüſſig iſt, hier weiter davon zu veden. Hoffen wir, daß der fremd» 
ſprachliche Unterricht unſerer höheren Lehranſtalten von dieſem argen 
Uebelſtande ſobald als möglich befreit werde! Beiläufig ſei hier gleich 
bemerkt, daß aus dem gleichen Grunde bei den unten mitzutheilenden 
Vorſchlägen die Trennung des Beginnens des Engliſchen von dem des 
Franzöſiſ<en dur< einen zweijährigen Zwiſchenraum ungeachtet der 
damit verbundenen Hinausſchiebung beibehalten werden wird. Nachdem 
nun aber in Quinta der Normalplan von 1859 die Zahl der dem 
Lateiniſchen zugewiejenen Stunden bereits von 8 auf 6 hat fallen 
laſſen, vermindert er ſie abermals in Tertia, während gleichzeitig eine 
dritte fremde Sprache hinzukommt. Bei ſolher Einrichtung der Be- 
ſchäftigung mit dew fremden Sprachen befindet ſi< der Knabe etwa 
in der Lage eine8 jungen Architekten, der den Auftrag erhalten hat 
ein Haus zu bauen und nachdem er mit Eifer die Vorarbeiten dazu, 
die Herbeiſhaffung de38 Material8, überwunden hat, in dem Augen- 
bli, wo er ſich freut, nun ſeine Kunſt entfalten zu können, ſich plößlich 
*) Schrader, die Verfaſſung der höheren Schulen S. 34 fg.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.