Full text: Pädagogisches Archiv - 22.1880 (22)

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oft ſehr zufälliger Einzelnheiten der Mangel an wirkliher Sprach- 
beherrſhung verde>t wird und nur zu oft tritt an die Stelle jenes 
dem Tertianer ſo heilſamen kategoriſchen Imperativ8 der fundamen- 
talen Sprachregeln der Appell an das Sprachgefühl. Unerſetlich ſind 
“ daher dieſe Uebungen nicht. Und die Realſchule hat einen Erſaß, der 
durch ihre innere Beſtimmung, wie mir ſcheint, als eine Nothwendig- 
keit ſic< ihr aufdrängt. Zn demſelben Maße, in welchem beim Beginn 
des fremdſprachlihen Unterricht3 dem Lateiniſchen der Vorzug gebührt 
vor dem Franzöſiſhen, ſelbſt wenn erſteres nur bis zum Verſtändniß 
Cäſars fortgeſeßt wird *), in demſelben Maße kommt für den 
Abſchluß des fremdſprahlihen Realſ<hulunterichts dem 
Jr anzöſiſhen und nicht dem Lateiniſ<hen die centrale 
Stelle zu. So viel ich ſehe, denken diejenigen, welche eine ſtärkere 
Betonung des Lateiniſchen an der Realſchule in8 Auge gefaßt haben, 
dabei nicht bloß an die mittleren, ſondern beſonder8 auch an die oberen 
Klaſſen, J<H halte das für einen verhängnißvollen Fehler und muß 
de8halb auf dieſen Punkt no< etwas näher eingehen. 
Zunächſt gilt es über die Bedeutung eines centralen 
Faches ſich zu verſtändigen. E38 hat ja auf den erſten Bli> etwas 
ſehr Beſtehendes, wenn ein und derſelbe Lehrgegenſtand neun Jahre 
hindurch von der unterſten bis zur oberſten Klaſſe einer Anſtalt das 
Brincipat behauptet. Dieſe Stellung des Lateiniſhen im Lehrplan 
des Gymnaſiums bildet ohne Zweifel eines der weſentlichſten Mittel, 
durc< welche das Gymnaſium ſeine Schüler mit der Fähigkeit zu wiſſen- 
ſchaftlihen Studien ausrüſtet. Wenn aber nun die Nealſ<ule, um 
ſich in dieſer Hinſicht die gleiche innere und äußere Berechtigung an- 
zueignen, dieſe Einrichtung in einer abgeſhwächten Form adoptiren 
wollte, ſo würde ſie der neuen Aufgabe nur unvollkommen gerecht 
werden, zugleich aber ihrer alten entfremden. Den Charakter eines 
Hauptfache3 gewinnt ein Lehrgegenſtand viel mehr dadur<, daß er in 
einem und demſelben Schuljahre für die Arbeit jeder Woche und jedes 
Tages von Lehrern und Schülern als das Wichtigſte behandelt wird, 
als dadurch, daß er eine lange Reihe von Jahren hintereinander als 
das Conſtante erſcheint, mit welhem in dem einen Jahre dieſer Gegen- 
*) Ausführlicher habe iG dieſe Anſicht zu begründen geſucht in einer gutacht- 
lihen Abhandlung über den Lehrplan der Landwirthſchaftsſ<ulen, welche in den 
Landwirthſchaftlihen Jahrbüchern veröffentliht worden iſt und ſich abgedruct 
findet im Pädag. Archiv 1876 S. 225 fg. Bgl. daſelbſt S. 237--243. 

	        

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