Full text: Pädagogisches Archiv - 22.1880 (22)

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doc< nicht vergeſſen, daß die Entde>ung der „formalen Bildungskraft“ 
des Lateiniſchen ziemlih jungen DatumZ3 iſt und daß bis in das vorige 
Jahrhundert hinein die lateiniſ<e Schule das Lateiniſche lehrte, weil 
Jeder, der in Staat, Kirhe und Wiſſenſhaſt mitreden wollte, es 
„brauchte.“ Heute iſt nun an die Stelle des Lateiniſchen theils die 
Mutterſprache theils eine der fremden modernen Sprachen getreten. 
Warum ſoll nun die höhere Shule in Deutſ<land jene 
Rückſicht auf „das Brauchen“, die ihr Jahrhunderte hin- 
dur< keinen Schaden gethan hat, jezt beim Franzüſiſhen 
dur<aus verpönen, nur weil ſie am Lateiniſ<en ſich der- 
ſelben entwöhnt hat? Das iſt doh eine Verſtiegenheit des Jdealis- 
mus, welche der Fremde niht mit Unreht deutſche Jdeolozie nennt. 
Wir ſind nicht eine ſo reiche Nation, daß wir uns einen ſolchen Bil- 
dungsluxus geſtatten könnten. Der Ueberſchuß der Geburten über die 
Todesfälle betrug in Deutſchland 1874 552,019, 1875 561,040 Men- 
ſ<en*), alſo faſt das Doppelte der Einwohnerzahl Hamburgs. Da 
die Kornfelder no< immer nicht auf der flaßen Hand wachſen, und 
der jährlihe Zuwachs von 550,000 Seelen do< ebenſo viele Körper 
darſtellt, die ernährt ſein wollen, ſo wird man nicht nur die Verwer- 
fung der Samoa-Vorlage für einen Fehler halten, jondern ſich auch 
ſagen müſſen, daß es vom volkswirthſchaftlihen Geſicht8punkte nicht 
rathſam erſcheinen kann, die auf die Vorbildung zum Berufe nöthige 
Zeit weiter auszudehnen, al8 die ohnehin ſchon in faſt allen Berufs- 
arten geſteigerten Anſprüche es nöthig machen, Mit Re<ht iſt ja auch 
dieſer Sachverhalt als ein Grund für die Zulaſſung der Realſchul- 
Abiturienten zum Studium der Medicin angeführt worden. Da nun 
grade bei den Berufszweigen, zu welchen die Nealſchule vorzug3weiſe 
vorbereitet, eine Kenntniß der neueren Sprachen nöthig oder wenigſtens 
in hohem Grade wünſchenswerth iſt, die dem Abgange ſic< nähernden 
Schüler der oberen Klaſſen aber, man mag es wollen oder nicht, bei 
ihren Arbeiten unwillfürlim oft an ihren künftigen Beruf denken, ſo 
wird bei diejer Alter8ſtufe ein inneres Intereſſe an einem eigentlich 
grammatiſchen Unterricht ſehr viel leichter beim Franzöſiſ<en als beim 
Lateiniſ<en gewonnen werden können. Dies erreichbare innere 
Intereſſe de3 Schülers aber ſcheint mir ein Moment zu ſein, 
da3 bei der Frage nach der Organiſation des Lehrplans 
*) Kölniſche Zeitung vom 5. Mai 1880, 1.
	        

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