Full text: Pädagogisches Archiv - 22.1880 (22)

 
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wohl nicht nur unſer Lokalpatriotizmu38 uns als anmuthige erſcheinen läßt, 
finden eine Bürgerſchaft, die, wie rührig und thätig ſie auch im Allgemeinen 
praktiſche Ziele verfolgt, denno< dabei lebendigſte Theilnahme unſeren Jutereſſen 
entgegenbringt und von Herzen dankbar iſt für die reihen Anregungen, die ſie 
mit Recht von Jhnen in Vorträgen und Verhandlungen, wie in zwangloſen 
Geſprächen erwartet. Dieſes freundliche Entgegenkommen der Stettiner Bürger- 
ſhaft hat denn dem Präſidium und allen Denen, die mit großer Selbſtverleug- 
nung an den Vorbereitungen theilgenommen haben, au< ermöglicht, Zhnen zur 
Erholung von der Arbeit einige feſtliche Veranſtaltungen zu bieten, von denen 
wir herzlich wünſchen, daß ſie wenigſtens annähernd ſo gelingen mögen, wie ſie 
uns vorſc<hweben. Der Redner ging dann über zu dem, was die Verſammlung 
mit hierher bringe, die geiſtige Welt, die in ihren Mitgliedern lebe, die Gedanken: 
welt, die in Vorträgen und in den ſich beſtreitenden und ergänzenden Wechſel- 
reden ihren Au3sdrus finden werde. Redner gedachte dann der Schöße in Archi: 
tectur und Sculptur, welche uns in Olympia und Pergamon erſ<loſſen wurden, 
und ging dann über auf Sokrate3 und Anaxagora3, die jeht für die Forſcher 
auf dem Gebiete der helleniſchen Literatur und Philoſophie in einem theilweiſe 
neuen Lichte daſtänden, und fuhr dann fort: „Daß un3 für ſolche ins Einzelne 
gehende Arbeiten kein Zntereſſe in weiteren Kreiſen entgegenkommen kann, liegt 
auf der Hand.“ Habe doc< ſelbſt Göthe, der manche Dichtung geſchaffen habe, 
die die ſ<hönſte, das Weſentliche am klarſten widerſpiegelnde Ueberſezung griechi» 
ſcher Boeſie ſei, ſich ganz unphilologiſch wegwerſend über den Werth der Unter- 
ſuchungen über die Autorſ<haſt und Echtheit alter Schriſten au8gedrü>t. Redner 
fuhr dann fort: „Wir müſſen, was den Geſ<ma> angeht, Schüler der Griechen 
bleiben, deren Schule wir noc< lange nicht entwachſen ſind: heute am aller- 
wenigſten, da wieder das blos Stoffliche, das Seltſame und Fraßenhafte lauteſten 
und allgemeinſten Beifall findet, und ohne die allerſtärkſten Effecte und die 
gepfeffertſte Darſtellung dichteriſche Werke kaum no< wirken. Der exaltirten 
Bewunderung ſolc<er Productionen folgt dann ſehr ſchnell Gleichgültigkeit und 
völliges Vergeſſen. So die Sinne ſofort beſtrikend, wirkt wahre Schönheit nie, 
weder bei den Griechen ſelber, noh bei Göthe, oder wirkt doch ſo nur ſehr ſelten ; 
dafür iſt aber auch ihre Wirkung nicht nur dauernd, ſondern in empfänglichen 
Gemüthern ſtetig zunehmend; denn mit vollem Recht ſagt Winkelmann : „Das 
Gefühl und der Genuß des Shönen muß zart und ſanft ſein, und kommt wie 
ein milder Thau, nicht wie ein Platßregen." Jſt nun aber Schönheit kaum etwas 
Andere3 als anſchauliche Wahrheit, und iſt ein großer Dichter nicht denkbar ohne 
innerlichſte Wahrhaftigkeit, die auf das Spiel mit tönenden Phraſen gern ver- 
zichtet, ſo ſtärkt in uns hingebende Beſchäftigung mit althelleniſ<er Dichtung wie 
“mit Göthe's Poeſieen auch das Gefühl für Wahrheit. Und da3 gilt nicht blo3 
von der Dichtung, das gilt von der ganzen alten Literatur. Lichtenberg ſagt 
von ihr ſehr treffend: „Die Alten ſchrieben zu einer Zeit, da die Kunſt ſc<le<ht 
zu ſchreiben no<r+ nicht erfunden war (Heiterkeit), und blo3 ſchreiben hieß gut 
ſchreiben. Sie ſchrieben wahr, wie die Kinder wahr reden.“ „Das dritte Menſc<h- 
heitsideal aber", damit ſ<loß Director Kern, „das der Güte und Heiligkeit, das 
haben wir nicht nöthig, erſt im Alterthume zu ſuchen, Freilich hat e8 auc in 
den Herzen der Menſchen der alten Welt gelebt und ſich thätig gezeigt; aber erſt
	        

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